Zeitung Heute : Thomas Mirow?

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Thomas Mirow (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht Wirtschaftsminister in einer großen Koalition werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Wirtschaft werde in der Wirtschaft gemacht, davon war beispielsweise der ehemalige Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) fest überzeugt. Und weil an dem Zitat wohl einiges wahr ist, hat sich vor allem die SPD immer schwer getan, diesen Posten auszufüllen. Der Schulterschluss mit der Wirtschaft, den vor allem Gerhard Schröder übte, hat nie wirklich funktioniert.

Am Ende waren die Sozialdemokraten immer enttäuscht von der Wirtschaft und fühlten sich im Stich gelassen. Da der Wirtschaftsminister also eher ein Mittler sein muss, ein Diplomat quasi, der die verschiedenen Interessengruppen moderiert, um am Ende pragmatische Lösungen zu haben, ist Thomas Mirow gar nicht mal ungeeignet. Mirow ist ein hervorragender Diplomat, nicht nur weil sein Vater einer war. Gleichzeitig ist er hartnäckig, zielsicher und klug. Und er hat sich als Wirtschaftssenator Hamburgs viel Lob abholen dürfen, als „Motor des gelungenen Standortwandels in der Hansestadt“, wie die „Zeit“ schrieb. Sein Erfolg: die höchste Quote von Unternehmensgründungen, Reduzierung der Arbeitslosigkeit um ein Drittel und ein Wirtschaftswachstum, das über dem Bundesdurchschnitt lag. Nicht umsonst hat Schröder Thomas Mirow als seinen Wirtschaftsberater ins Kanzleramt geholt.

AMBITIONEN: Im Prinzip wenig. Aber die Aufgabe müsste ihn reizen. Mirow weiß zwar selbst, dass er vor allem ein hervorragender Zuarbeiter, weniger ein Mann für die erste Reihe ist. Trotzdem hat er es sich angetan, 2004 als Spitzenkandidat der SPD in Hamburg den populären Ersten Bürgermeister Ole von Beust herauszufordern. Er hat verloren, aber er hatte es auch extrem schwer. Ein paar Wochen zuvor hatte Schröder den Parteivorsitz an Müntefering übergeben, die Partei lag im Bundesdurchschnitt bei 25 Prozent. Doch Mirow verteidigte unbeirrt die Agenda 2010 mit dem Hinweis, dass nachhaltige Politik, die vom eigenen Tun überzeugt sei, auch Wahlniederlagen in Kauf nehmen müsse. Mirow hat im Wahlkampf auch gezeigt, dass er angreifen kann: mit Kompetenz. Das fanden einige altmodisch, aber es hat ihm auch Respekt verschafft. Der Mann ist schließlich einer der erfahrensten Köpfe der Partei, war Büroleiter Willy Brandts und engster Vertrauter von Klaus von Dohnanyi. Außerdem gehört er zu denen in der SPD, die sich schon sehr früh Gedanken gemacht haben über eine mögliche große Koalition. Mirow hält sie zwar auch nicht für ideal, aber er ist davon überzeugt, dass sich seine Partei in der Regierungsverantwortung erneuern und konsolidieren kann. Kurzum: Wenn ihm das Amt andere ehrlich zutrauten, er würde es wohl tun. Für die SPD, für das Land.

AUSSICHTEN: Nicht besonders groß und von sehr vielen ungewissen Faktoren abhängig. Käme es zur großen Koalition, hätte die Union das Recht, den Ministerkuchen zuerst anzuschneiden. Würde sie, wie es eigentlich zu erwarten wäre, die Wirtschaft nehmen und der SPD das Soziale überlassen? Oder würde es Angela Merkel genau andersherum machen? Würde der Saarländer Peter Müller auch in einer großen Koalition als Wirtschaftsminister nach Berlin wechseln? Vermutlich eher nicht, dann könnte es sein, dass die SPD ihn stellen muss. Wolfgang Clement wäre in der Partei nicht mehr zu vermitteln, er polarisiert zu sehr. Peer Steinbrück kommt auch als Parteichef in Frage. Mirow ist noch „unbefleckt“, und wenn Schröder und Münterfering noch etwas zu sagen haben sollten, ist er zumindest ein ernsthafter Kandidat.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Gering, aber nicht völlig ausgeschlossen.

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