THRILLER„Drive“ : Wer bremst, verliert

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Foto: Universum
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Verfolgungsjagden per Automobil gehören zur dramaturgischen Grundausstattung nicht nur des Actionkinos. Da sollte ein Film mit dem bewusst an Walter Hills Genreklassiker „Driver“ anspielenden Titel „Drive“ einiges bieten, erst recht, wenn er einen namenlos bleibenden Asphalt-Cowboy (Ryan Gosling) zum Helden erhebt.

Doch die wenigen, zudem eher zähen Rasereien durch ein taghell gleißendes oder nächtlich schimmerndes Los Angeles (Kamera: Newton Thomas Sigel) dürften Fans von stilisierten Blechballetten à la „Fast & Furious“ vor Rätsel stellen: Da explodiert nichts, da fliegt kaum etwas durch die Luft, und es wird auch nur jede zweite Ampel bei Rot überfahren. Stattdessen verformen sich tonnenschwere Vehikel mit realistischer Trägheit – selten wurden die Auswirkungen kinetischer Energie so unprätentiös und eindrucksvoll visualisiert.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn erzählt in „Drive“ eine Geschichte von archaischer Wucht, einfach in den Grundmotiven und doch erratisch. Sein anonymer Driver ist – Goslings bubenhaft-zarten Gesichtszügen zum Trotz – kein Unschuldsengel, sondern ein Pragmatiker am Lenkrad, der seine Fahrkünste sowohl als Stuntman wie auch als Fluchtwagenlenker für Überfälle zur Verfügung stellt. Natürlich ist es die Liebe, die eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang setzt, als sein Panzer aus Gleichmut und Einsamkeit von der Zuneigung einer Nachbarin (Carey Mulligan) aufgebrochen wird und der Driver plötzlich moralische Maßstäbe für sein Handeln an den Tag legt.

„Drive“ war zunächst als Blockbuster mit Hugh Jackman in der Hauptrolle geplant. Kaum vorstellbar, dass dies mit dem vorliegenden Werk, das nur 15 Millionen Dollar kostete, hätte konkurrieren können. Ryan Gosling brilliert als Titelheld, unter dessen somnambuler Erscheinung ein Vulkan brodelt. Carey Mulligan ist in ihrer kindfraulichen Rätselhaftigkeit ein faszinierendes Love Interest, „Breaking Bad“-Star Brian Cranston gibt als väterlicher Schrauber einen herzzerreißenden Loser ab, Albert Brooks und Ron Perlman sind hinreißende Übelwichte.

Suggestive Bilder, ein hypnotischer Soundtrack und ein ruhiger, von verstörenden Gewaltexplosionen durchbrochener Erzählrhythmus sind weitere Zutaten dieses meisterhaften, jenseits aller Genrezuordnungen funktionierenden Films, der das Zeug zum Klassiker hat. Herausragend. Jörg Wunder

USA 2011, 101 Min., R: Nicolas Winding Refn,

D: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Brian Cranston, Albert Brooks, Ron Perlman, Christina Hendricks

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