Zeitung Heute : Thu Thu im Glück

Franziska Klün
Thuy Duong Nguyen macht Thu Thu.
Thuy Duong Nguyen macht Thu Thu.

Das letzte Jahr änderte alles. Für Thuy Duong Nguyen und ihr Modelabel Thu Thu ging es 2011 so schnell bergauf, dass sie keine Zeit hatte, sich an ihren Erfolg zu gewöhnen. Noch immer ist sie überrascht, wer sie und ihre Mode plötzlich alles kennt.

Thuy Duong Nguyen ist 25 Jahre alt und entwirft Kleidung mit hohem Wiedererkennungswert. Sie kombiniert bunt gemusterte, traditionell vietnamesische Sapastoffe mit modernen Schnitten. Ihr absoluter Bestseller und schon so etwas wie ihr Markenzeichen ist das Sapa Biker Jacket: eine Motorradjacke aus bunten, handgeknüpften Stoffen aus Sapa, einer Region in den Bergen Vietnams.

„2011 war mein Jahr“, sagt die Designerin, „mit vielen Höhen, aber auch Selbstzweifeln.“ Der Erfolg, die Aufmerksamkeit lösen Druck aus. Nach ihrem Studium an der Berliner Modeschule Esmod will Thuy Stylistin werden, doch während eines Praktikums beim Musiksender MTV stellt sie fest, dass ihr Styling nicht liegt. Sie reist in ihr Geburtsland Vietnam, wo sie kurze Zeit lebte, bevor sie mit den Eltern nach Bischofswerda zog, einem kleinen Ort in Sachsen.

Auf ihrer Reise will sie eine Kollektion zusammenstellen, für Bewerbungen bei Designern. Zu der Kollektion kommt es, zu den Bewerbungen nicht. Bereits vorher tragen ihre Bekannten von MTV ihre Kleidung. Die Sachen tauchen im Fernsehen, im Internet, in Magazinen auf, man kennt Thuys Stil, bevor sie überhaupt angefangen hat. Und sie bemerkt, dass es so etwas noch nicht gibt: die Muster, die Sapastoffe, das Moderne. Sie beschließt, sich selbstständig zu machen, entgegen der Ratschläge vieler großer Designer, zunächst Erfahrungen in anderen Modehäusern zu sammeln. Auch die Eltern sind skeptisch.

Thuy reist wieder nach Vietnam. Mit leeren Händen und einem Masterplan im Gepäck. Dieser sagt: fünf Wochen, zwei Kollektionen, eine für den Online-Store, eine für Bestellungen von Geschäften. „Ich hatte nichts, keine Produktionsstätte, keine Designs, keine Stoffe. Aber am letzten Tag war alles fertig.“ Während sie erzählt, muss sie ständig lachen. Ohne Erfahrungen, ohne Kontakte, mit einem solchen Zeitplan, man könnte das als naiv bezeichnen. Oder als mutig.

Mit ihren Lookbooks bewirbt sie sich bei ein paar Geschäften, drei bestellen auf Anhieb, darunter Browns, eine der ersten Adressen in London. Sie sucht sich einen Vertrieb, um sich auf den Verkauf zu konzentrieren. Thuy Duong Nguyen will sicher gehen, dass ihre Kleidung bei den Kunden ankommt, bevor sie eine PR-Agentur engagiert.

Ihre Kleidung kommt an. In ihrem Online-Store ist schnell alles ausverkauft, 17 Geschäfte gewinnt sie innerhalb von nur einer Saison dazu, darunter Adressen in Frankreich, Belgien, Australien, Dubai. Die „Bild“ zählt Thuy zu den 100 Karriere-Frauen Deutschlands, in Bischofswerda ist man mächtig stolz auf sie.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Berliner Kollegen kann sie bereits nach ein paar Monaten von den Einnahmen ihres Labels leben: „Vielleicht denken andere Designer künstlerischer als ich. Ich lege viel Wert auf das Geschäftliche. Meine Kollektionen können noch so schön sein, wenn das Finanzielle nicht abgesichert ist, funktioniert es nicht.“ Franziska Klün

„Ich hatte keine Produktionsstätte, keine Stoffe. Aber am letzten Tag war alles fertig.“

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