Zeitung Heute : Ticks, Tücken und Perücken

NORBERT TEFELSKI

"Out of Bonn": Das neue Soloprogramm des Kabarettisten Arnulf RatingNORBERT TEFELSKIDr.Schäfer, ein entfernter Verwandter des Dr.Mabuse aus Arnulf Ratings letztem Programm, ist Fachmann für elektronische Operationen.Er, der Boris Jelzin im Auftrag von Dr.Kohl eine Fernsteuerung implantierte, therapiert nun den umzugsgeschädigten Bonner Politiker Karl-Heinz Gröbner. Jener hochneurotische Fachreferent für Ablagewesen wird als mikroskopisch kleines Double auf eine Reise durch den eigenen Körper geschickt.Klar, den Plot kennen wir, beim Mülheimer Rating allerdings gerät das menschliche Innenleben zur heiter polternden Ruhrpott-Szenerie: Malocher auf Schicht in Magen und Zwölffingerdarm.Auf Höhe des Herzens stellt der von so viel Geschäftigkeit irritierte Beamte fest: Ja, es schlägt für Bonn - Bonn - Bonn ..."Ber-lin? Das wäre eine Herzrhythmusstörung." Dieses dramaturgische Herzstück von "Out of Bonn" dominiert den zweiten Teil, ist pfiffig, komisch, anspielungsreich.Mit seinen Analogien zur gesellschaftlichen "Außenwelt" steht es für eine Art kabarettistischer Verfremdung, die unterhaltsamer und also auch effektiver funktioniert als das naheliegende Herunterbeten bekannter Befindlichkeiten.Genau damit aber tut Rating seinem Solo einige Längen an.Bis zur Pause läßt er eine Handvoll Klischeefiguren auftreten, deren Kommentare zur Hauptstadtsituation den Brettlbesucher in Wiesbaden und Bietigheim amüsieren mögen - hier, am Ort des Geschehens, begegnen sie einem auf Schritt und Tritt.Ob aber als Taxifahrer mit Schnauze und Plauze, als Kreuzberger Anti-Umzugsfreak oder als debiler Bettel-Punk - darstellerisch überzeugt Rating mehr denn je.Der klamottenfreudige Satireschlaks, Ex-Tornado und Reichspoltermann, spielt ein nölendes, nuschelndes Panoptikum unterschiedlichster Typen mit Ticks, Tücken und Perücken.Schickt er diese in absurde Gefilde, dann gelingen ihm nachhaltige Kabinettstückchen: Ein gen-ialer Biochemiker will den bärigen Winterschlaf für Arbeitslose vermarkten, und ein Schnellrichter fällt seine Vorurteile im Gameshow-Stil.Vielleicht auch vom TV-Serienprinzip inspiriert, rettete Rating die patente Schwester Hedwig aus seinem Mabuse-Programm herüber.Sie ist jetzt unter anderem dafür zuständig, dem depressiven Herrn Gröbner die Aufputschtabletten hinterherzutragen.Dabei würde eine Straffung des Programms schon genügen. Mehringhoftheater, bis 14.Februar (außer 27.1.), Dienstag bis Sonnabend 20.30 Uhr.

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