Zeitung Heute : Tiefgarage schrankenlos

Berliner Avantgarde-Export: Neue Musik in IstanbulAlle zwei Jahre schickt der Berliner Senat heimische Künstler, Musiker, Film- und Theaterleute in die Fremde.Im Rahmen von "Berlin grenzenlos" präsentieren sie die hiesige Szene in einer europäischen Großstadt.Diesmal reiste man nach Istanbul und traf auf ein Publikum, das Zeitgenössisches aus Mitteleuropa begierig aufnimmt.Obgleich Istanbul das Tor der Türkei zur westlichen Welt bildet, folgen seine Kulturpolitiker konservativen Linien.Wo sich Muezzingesang mit Rap-Rhythmen aus den Plattenläden mischt, und verhüllte Frauen an den Dekorationen der Dessous-Geschäfte vorbeigehen, importiert man gern internationale Spitzenensembles mit Renommierprogrammen westlicher Klassik.Beim 25.Istanbul-Musikfestival geben sich das BBC Symphony und das Scala-Orchester die Klinke in die Hand, so daß es einer Sensation gleich kommt, hier auch Neue Musik zu hören. Auf den fünf von Ursula Block zusammengestellten Konzerten lastete also ein besonderer Anspruch.Die zeitgenössische Musik aus Berlin hatte die aktuelle Musik insgesamt zu repräsentieren.Das Kammerensemble Neue Musik Berlin unter Roland Kluttig spannte an drei glänzend vorbereiteten Abenden den Bogen von Musikperformances wie Dieter Schnebels "Nostalgie" für Dirigenten solo über Peter Ablingers sprödes, metrisch vielschichtiges "Ohne Titel" bis zu Geräusch- und Raumkompositionen.Erhard Großkopf, Sven-Ake Johansson, Isabel Mundry, Walter Zimmermann und Georg Katzer besetzten weitere ästhetische Positionen, die sie in Podiumsgesprächen erläuterten.Im ausverkauften Aziz Nesim Sahnesi, einer umgebauten Lagerhalle unter dem Parkplatz des Atatürk Kulturcenters mit dem Charme einer Tiefgarage, folgte dem ein aufgeschlossenes Publikum aus Künstlern und Intellektuellen.Auch Provokationen wie Johanssons "Telefonbuchstück für zwei Gelbe Seiten", in dem der Wahlberliner zwei mitgeschleppte Telefonbücher in ein Drum-Set verwandelte, ernteten herzlichen Beifall.Man genoß die schrankenlose Freiheit dieser Musik, deren Existenz das lokale Konzertleben weitgehend leugnet.Schließlich wird an türkischen Universitäten eher Komposition von angewandter Musik für Theater, Film und Unterhaltungsindustrie gelehrt.In einem inoffiziellen Gespräch mit seinen Berliner Kollegen schilderte Professor Ahmet Yürür seine prekäre Lage als Kompositionslehrer an der Universität Istanbul: Studenten können sich kaum in Musikbibliotheken informieren, Partituren der westlichen Avantgarde sind Mangelware, ebenso angemessen ausgebildete Instrumentalisten, die sich auf Abenteuer neuer Spieltechniken einlassen würden.Aktuelle Musik vermittelt sich hauptsächlich über wenige weit gereiste Lehrer und vereinzelt importierte CDs, die fünf Abende mit Neuer Musik aus Berlin werden wohl die einzigen ihrer Art in diesem Jahr bleiben. In entfernt ähnlicher Situation entwickelten sich in den USA der sechziger Jahre viele Komponisten zu "Composer-Performern", die schon aus ökonomischen Gründen die Aufführung ihrer Stücke selbst in die Hand nahmen.Dreien ihrer Berliner Vertreter, Arnold Dreyblatt, David Moss sowie Gordon Monahan, widmete man einen ganzen Abend.David Moss befremdete und begeisterte mit seiner live-elektronischen Vokalperformance "Music By, For & Against John Cage", die Züge einer Lecture über Grundlagen experimenteller Musik trug.Szenische Elemente setzte er neben undurchschaubare Sampler-Manipulationen seiner Stimme, beschrieb seine Aktivitäten und ihre musikgeschichtlichen Traditionen, um diese Erklärungen selbst wieder Musik werden zu lassen.Regelrecht puristisch mutete im Vergleich dazu Gordon Monahans "Piano Mechanics" an, ein mit enormer physischer Energie auf wenigen lang repetierten Klängen verharrendes Stück das rabiat die feinen Obertonspektren des Flügels auslotete. Was in anderen "Grenzenlos"-Partnerstädten aufgegangen sein mag, die zeitlich / räumlich versetzte gegenseitige Vorstellung aktueller Strömungen, scheint in der der Türkei problematisch.Ein Publikum, das die Kunst des eigenen Landes kaum kennt, könnte solche Projekte mangels Vergleichsmöglichkeiten als aufdringliche Machtdemonstration von außen erleben.Leider ist es den Berlinern nicht gelungen, Istanbul zu begleitenden Konzerten türkischer Komponisten zu bewegen.Um so wichtiger wird deren Präsentation 1998 in Berlin.

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