Zeitung Heute : Time is Honey

Langsamer leben, Teil 3: Was wird mehr, wenn einer weniger tut? Das Bewusstsein? Antworten von Peter Heintel, dem Entschleunigungsprofessor

Deike Diening[Klagenfurt]

Ein einziges Mal wurde in Klagenfurt eine Entscheidung übereilt getroffen. Einen Bäckerjungen, der Brot geklaut haben soll, hat das schnelle Urteil das Leben gekostet, auf dem Alten Platz, wo noch heute sein weißes Gesicht aus einer Fassade starrt. Erst nach seiner Hinrichtung kam heraus, dass er den Diebstahl gar nicht begangen hatte. Fortan nannte sich die Stadt aus Bedauern Klagenfurt, es ist ein Klagen über die Eile, die zum Falschen führt, und es ist, als hätten die Bewohner beschlossen, seitdem alles langsam anzugehen. In Klagenfurt, der Stadt zwischen Literatur und Loipen, lehrt heute der Entschleunigungsprofessor, Philosoph und Gruppendynamiker Peter Heintel an der Alpen-Adria-Universität über das Wesen der Zeit. Nach eigener Aussage hat sich Heintel nie in seinem Leben gelangweilt, und einem anfahrenden Bus würde er nur „aus sportlichen Gründen“ hinterher rennen.

Heintel beobachtet lieber aus sicherer Entfernung, wie andere beschleunigen. Und wie bei einem pointillistischen Gemälde sieht er mit Abstand mehr.

Im Dezember wurde Wal-Mart zu einer Strafe von 172 Millionen Dollar verurteilt, weil das Unternehmen den Mitarbeitern die Mittagspause verboten hatte. In Baden-Württemberg wollen Arbeitgeber seit Jahren die drei Minuten „Bedürfniszeit“ pro Stunde abschaffen, die jedem der heute 88 000 Metallarbeiter am Fließband seit 1973 zustehen. Der Kampf um die „Pinkelpause“ ist inzwischen emotional schwer aufgeladen. Wir drehen uns immer schneller, und dabei fliehen die Freude, das Bewusstsein und der Sinn.

Wir schaffen nicht genug, sagen die einen. Wir müssen bis 67 arbeiten, und zwar schneller und besser als die anderen, sagen sie. Arbeitnehmer sollen grundsätzlich flexibel und nicht nur eine bestimmte Zahl von Stunden vorhanden sein, nein, sie sollen ihr ganzes Leben kalibrieren auf den Arbeitsmarkt. Aber am Ende bleibt kein Leben mehr, sondern nur noch ein Lebenslauf.

Wir müssen endlich aufhören, zu hetzen, sagen deshalb die anderen. Machen wir uns nichts vor, Arbeit wird in Zukunft gar nicht mehr genug für alle da sein. Was soll der Stress? – Auf der anderen Seite ist es ein Irrglaube, Nichtstun schaffe Erholung. Arbeitslose sind nicht glücklich, Couchpotatoes haben nicht mal Blutdruck, und gewöhnliche Urlauber kriegen laut Erkenntnissen vom Sommer 2005 nach drei Tagen Nichtstun „Urlaubsdemenz“. Der IQ sinkt messbar.

Heintel schwanten früh verschiedene Dinge: Es handelt sich um ein strukturelles, kein individuelles Problem. Es kann bei allem nicht nur um eine perfekte Organisation des Lebens gehen. Und: Nichtstun ist nicht die Lösung.

Und dann tritt das ganze Klagenfurter Professorenzimmer in den Hintergrund, mit der gepolsterten Besuchercouch und dem rückenfreundlichen Schreibtischstuhl, mit dem schweren, hölzernen Schreibtisch, dem Stehpult und den unvermeidlichen Bücherstapeln, verschwindet für die Dauer einer Gedankenreise und soll erst wieder auftauchen, als es draußen dunkel geworden ist.

„Zeit“, sagt Heintel, „war immer ein politisches Thema. Wer auf sich gehalten hat, hat eine neue Zeitrechnung eingeführt.“ Gerechnet nach Olympiaden, Königslisten und der Stadtgründung Roms. Gregorianisch und julianisch, vor Christus und nach Christus. Und dann sei seit der Industrialisierung Zeit auf unentrinnbare Weise zu Geld geworden. Während nämlich in den Feudalherrschaften die Herkunft über das Geld bestimmte, verleiht nun jeder sich selbst und seine Arbeitskraft, für eine gewisse Zeit. Oder man setzt Geld auf den Rentenmärkten ein, und auch die Zinsen sammeln sich im Verhältnis zu den Jahren. Die Gesellschaftsordnung hat Zeit in Beziehung zu Geld gesetzt.

Aber wie soll man Leuten sagen, dass Entschleunigung ihnen gut täte, wenn keine Zeit zu haben zum Prestige gehört?

Heintel sieht die immer größer werdende Schlucht zwischen denen, die rennen, bis sie umfallen, und denen, die unfreiwillig entschleunigt ein arbeitsloses Leben fristen. Aussteiger, ohne je eingestiegen zu sein. Irgendwo in dieser Schlucht ist das Maß verloren gegangen, der angemessene, dem Menschen angepasste Umgang mit der Zeit. „Es wird Leute geben, die nie in den Arbeitsprozess einsteigen. Es braucht sie keiner.“ Deshalb sagt Heintel: „Arbeitslosigkeit gehört positiv besetzt.“

Wenn es strukturell überhaupt nicht genug Arbeit für alle geben kann – und dass das so ist, haben sie, die Wissenschaftler, ja schon seit Jahren erkannt und öffentlich gemacht, nur hat keiner zugehört – dann ist Heintel für die Idee des Grundeinkommens. Bezahlen würde man die Existenz. So frech so frei. „Ich kann ja nichts dafür, dass ich da bin.“ Und: „Wenn man in Europa entsprechende Kampagnen machen würde, hätte man in zehn Jahren einen Bewusstseinswandel.“

Heintel weiß auch, dass diese Kampagne einfach niemand bezahlen würde. Schon gar nicht die Staaten, die sich mit dem Glauben an die Arbeit aufrecht halten und mit der Leistungskraft ihrer Nation in einem weltumspannenden Wettbewerb sehen. Vermutlich würde man einfach keine Regierung mehr finden für ein Land, in dem Arbeitslosigkeit in Ordnung geht. Unternehmen müssten sich bewerben bei glücklichen Arbeitslosen mit einem Versprechen von noch mehr Glück, bis endlich jeder so sprechen würden wie Heintel: „Ich werde für das bezahlt, was ich ohnehin tun würde.“ Er weiß selbst, dass er da aus einer privilegierten Situation heraus spricht. Dass nicht jeder erst mal eine Tasse Tee trinken kann, wenn er merkt, er schafft etwas nicht mehr, um dann, wie er, in Ruhe alle von dieser Tatsache in Kenntnis zu setzen. Er weiß aber auch, dass sich Leute über das Rad Gedanken machen müssen, die von dem Funktionieren des Rades nicht abhängig sind.

Die wahre Ungeheuerlichkeit des Entschleunigten ist ja seine Bedürfnislosigkeit. Er braucht nichts mehr, er will nichts brauchen, aber wer nichts braucht, ist ja schon irgendwie asozial.

„Vielleicht stimmt es“, sagt Heintel, der oft als Berater für die Wirtschaft in Deutschland gearbeitet hat, dass die Deutschen, anders als andere europäische Länder, so ganz ohne die Institution der Siesta oder des ausgedehnten Mittagessens, anfälliger sind für Hamsterräder.

Heintel hat 1990 einen Verein gegründet, weil er glaubt, wichtige Themen verdienen Humor. Die ganze mit heiligem Ernst geführt Debatte der Zeit-Mahner bekam daraufhin einen ironischen Unterton: Der „Verein zur Verzögerung der Zeit“ hat ein voll gestelltes Büro und gibt eine Zeitschrift heraus, in der sich seine über 1000 zahlenden Mitglieder über das Phänomen Zeit austauschen. Das ist der ernsthafte Part. In all den Jahren haben sie sich außerdem irritierende Dinge für die Öffentlichkeit einfallen lassen. Die Mitglieder liefen mit Schildern über die Weihnachtsmärkte, auf denen „Beeilt Euch“ stand. Sie haben Piktogramme entwickelt, da prangt „Beeilen Sie sich“ neben einem Hund, neben einem Schlafenden und neben einem Sarg. Ein andermal ist eine Gruppe Mitglieder mit einer „Zeitkarte“ im Format einer Scheckkarte durch Münchens Straßen gezogen und hat versucht, damit zu bezahlen. Es ging nicht, unerhört, und das, wo doch Zeit Geld sei! Ja, komisch jetzt, das fanden auch die scheinheilig angesprochenen Bankangestellten und merkten nichts.

Heintel trägt Längsstreifen und eine entspannte Miene. Statt Handy hat er eine Almhütte, eine Autostunde entfernt. Heintel sagt, er war immer schon einer für Pausen. Einer, der darauf geachtet hat, am Ende nicht umzufallen. Es ist ja auch gar nicht so, dass man in den Pausen überhaupt nichts macht, nein, Heintel kommt es im Gegenteil so vor, als passiere in diesen Pausen das Wesentliche. Das, was den Menschen zum Menschen macht.

Wer langsam guckt, sieht mehr. Wenn wir Beschleunigung sagen, meinen wir ja nur die äußere Bewegung. Dabei ist die innere Bewegung vermutlich viel deutlicher in langsamen Phasen. In Büchern folgen wir willig dem ruhigen Blick des Autors, der auf Details verweilt, wenn er mit den Augen die Welt vermisst, immer in der wohlwollenden Vermutung, dass Details eine Bedeutung haben. Der Blick ruht auf Gegenständen, wendet Sätze, bezweifelt Ansichten. Verzögerung bedeutet nicht Stillstand. Was wird mehr, wenn einer weniger tut? Das Bewusstsein. Dinge werden lebendig. Das Echo der Worte setzt eine Bedeutung frei. Erst durch das Echo hören wir, dass es eine Tiefe gibt.

Die, die weniger tun wollen, sind dabei ja paradoxerweise auf der Suche nach mehr, und nicht auf der Suche nach weniger. Nach mehr von was eigentlich? Vom Zweckfreien? Vom Erfreulichen? Ist das Erfreuliche das Zweckfreie? Und was tut Peter Heintel in seiner Almhütte?

„Ich trödele so herum, tue nicht viel – ich lese und schreibe etwas.“ Er jagt den Ideen nicht hinterher, sie kommen zu ihm. Oh, ist das köstlich, time is honey, und wer will denn fleißig wie die dumme Biene…? Warum? Dann schreibt er mit der Hand einen Text in einem durch, für „Cut and Paste“ hat er sich Zeit seines 65-jährigen Lebens nicht erwärmen können. Arbeit ist ein Muskel, Anspannung und Entspannung.

Zugegeben, es existiert ein gewisser Standortvorteil. Österreich ist das Land, in dem man sich öffentlich am längsten in Gesellschaft eines Kaffees aufhalten darf. Heintel kommt aus Wien, einer langsamen Stadt, und ist nach Klagenfurt, in eine noch langsamere Stadt gezogen. Aber hat schon mal jemand von einem Entschleunigungsprofessor gehört, der in der Großstadt lehrt? Heintel nicht.

Wenn also auch Heintel am meisten einfällt, wenn er eigentlich nichts tun muss, ist dann der Angelpunkt der freie Wille? „Sicher, aber wenn man den Willen zu etwas hat, heißt das noch gar nichts. Nehmen Sie die Freiberufler. Die arbeiten bis zur Arbeitssucht, weil das, was sie tun, mit dem, was sie wollen, verschmilzt.“ Trotzdem, sagt Heintel, hätten sie permanent Existenzangst. Ihre Arbeit sei Prophylaxe gegen diese Angst. Sie arbeiten oft lustvoll, aber immer vorbeugend. Lange Jahre haben man in Seminaren in der Wirtschaft auch bei Arbeitnehmern diese „intrinsische Motivation“ herstellen wollen, auch er selbst, da hat er 1968 VW beraten. Heute sagt er: Intrinsische Motivation herstellen heißt bloß, reden, „bis die Leute den Scheiß von alleine machen, den andere von ihnen wollen“. Erst langsam „kommen sie darauf, dass sich Beschleunigung nicht mehr rechnet“.

Weil man dann Fehler macht. Weil Fehler keine Qualitätsarbeit sind. Weil nur Qualität ein Wettbewerbsvorteil ist. Weil man Argumente auch anders verketten kann. Vielleicht kommt der Wille, wenn der Mensch einen Sinn darin erkennt?

„Wie wollen Sie das machen, Sinn anbieten? Sinn ist transzendent, er funktioniert nicht als Produkt, für jeden konsumierbar. Sinn muss man suchen und sich selbst geben. Man muss ihn in sich und bei sich finden. Das wissen auch die Kirchen inzwischen.“ Heintel grinst jetzt quer zu seinem längsgestreiften Sakko: „Und um den zu finden, brauchen Sie Zeit.“

Arbeit verlangt Willen, Wille entsteht durch Sinn, aber wer Sinn sehen will, braucht Zeit. „Sinn braucht eine Zeitunterbrechung, in der man zurücktritt und fragt: Was wollen wir eigentlich? Aber wo, fragt Heintel, werden diese Fragen gestellt? „Griechische Denker blieben mitten auf den Straßen stehen, wenn sie glaubten, etwas sofort bedenken zu müssen.“ Leute, die auf der Straße zum Denken stehen bleiben, wirken, auch wenn sie Philosophen sind, heute ein bisschen irre. Aber es gebe die Analyse, die Medizin, Symposien, Meditation zählt Heintel auf. Techniken, die Zeit zu unterbrechen. Eine Spalte für Sinn.

Was passiert, wenn einer so viel Bewusstsein entwickelt hat, dass er von sich selbst als Mensch reden kann? Am Ende wird er bestürzend unabhängig von den Heilsversprechen der Gesellschaft, die Heintel die „Versäumnisgesellschaft“ nennt. Von denjenigen, die einem ständig alles als letzte Gelegenheit verkaufen. Unter Umständen wird man auch untauglich für die Versprechungen der Welt. Wird ein Nischenbewohner wie Heintel, der in dem Paradox lebt, sich total durchzuorganisieren, um sich dann seine trödelnden Freiräume zu verschaffen, in denen passiert, was er Menschsein nennt.

Aus dem Dunkel schält sich das Professorenzimmer. Draußen ist Klagenfurt. Und es ist ganz deutlich: Die Klagenfurter sind auf dem besten Wege. Sie nehmen sich ständig Zeit. Beim Sprechen ziehen sie die Worte in die Länge, und Männer im Anzug führen am helllichten Tag Hunde aus. Keiner sagt was, wenn der Schnee so träge fällt. Na gut, mit Easyjet und HLX hat sich die Globalisierung bis an die Stadtgrenze herangepirscht und okay, es gibt „Passbilder in drei Minuten“. Aber schneller wird’s nicht. An den kleinen, dörflichen Kreuzungen stehen überproportional viele Ampeln, die ein regelmäßiges Innehalten verordnen. Um Punkt 18 Uhr sperren sie den Konsum und seine Versprechungen in den Geschäften ein. Dann stehen die Klagenfurter an den Straßen und warten auf Grün.

In unserer Serie „Langsamer leben“ erschien am 31. Dezember das Porträt eines Herzchirurgen, der Fernfahrer wurde, und am 3. Januar eine Geschichte über das Leben der Politikerin Heide Simonis nach der Vollbremsung. Zum Abschluss der Serie wird ein Text über den Boom von Seminaren zur Entschleunigung erscheinen.

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