Zeitung Heute : Timesharing: "Eine ganz heikle Angelegenheit"

Justus Demmer

Noch vor einem Jahr warnte TUI ihre Kunden offiziell vor so genannten Timesharing-Angeboten. Das Geschäft mit pauschal bezahlten Wohnrechten in Ferienanlagen schien Europas größtem Reiseanbieter unseriös. Nun will der Konzern sein vor 100 Tagen begonnenes Engagement in diesem Segment bis zur Marktführerschaft ausbauen. Den verwilderten Sitten im Timesharing- Vertrieb tritt die TUI mit einem jetzt vorgestellten Zehn-Punkte-Programm entgegen.

"Der Vetrieb von Ferienwohnrechten ist eine ganz heikle Angelegenheit", sagte Manfred Schönleben, Leiter des Bereichs für Ferienwohnrechte innerhalb der TUI. Mit dubiosen Versprechen locken schwarze Schafe der Branche potenzielle Käufer in die Anlagen, kommen dort mit Hilfe von Alkohol und Desinformation an Unterschriften. In den schlimmsten Fällen gab es die angepriesenen Objekte später gar nicht.

Für den Fünf-Sterne-Komplex Anfi del Mar an der Südküste Gran Canarias, an dem die Preussag-Tochter vor rund 100 Tagen die Mehrheit erwarb und so in das Timesharing-Geschäft einstieg, dürfen Touristen bereits nicht mehr auf der Straße geworben werden. Verboten sind nun auch die von Verbraucherschützern oft kritisierten "Geschenke" in Form von Urlaubsreisen bei Vertragsabschluss, Angebote werden nur noch von autorisierten Stellen gemacht.

An den ebenfalls höchst umstrittenen Vorauszahlungen innerhalb der Widerrufsfrist hält TUI fest, aber die Beträge gehen auf ein Treuhänderkonto und werden bei Rücktritt wieder ausbezahlt. Für den bislang verlustträchtigen Weiterverkauf soll ein TUI-Vacation-Club eine Struktur schaffen. Hinzu kommt eine Rücknahmegarantie nach zehn Jahren auf Wunsch des Käufers. Ein Scheitern will sich die TUI keinesfalls leisten. "Wenn uns hier nicht gelingt, was wir versprechen, brauchen wir über die nächsten Schritte gar nicht zu reden", sagt Schönleben. Und die sollen zur Marktführerschaft führen, vorbei am bislang mit 540 Millionen Dollar Umsatz und rund 45 Anlagen dominierenden Marriott-Konzern.

In Anfi del Mar kommt TUI bislang auf 70 Millionen Dollar. Dort stehen 684 Apartments zur Verfügung, 184 kommen in einem neuen Teilkomplex hinzu. Sie werden für 23 000 bis 180 000 Mark auf 50 Jahre mit einer Nutzungswoche im Jahr verkauft. Kurzfristig will die TUI mindestens 100 zusätzliche Apartments im Mittelmeerraum kaufen - neben Pauschal- und Individualtourismus sollen die Wohnrechte drittes Standbein werden. Dazu gehört auch eine Änderung der bisherigen Vertriebsstrategie "Wir wollen einen Käufermarkt schaffen", sagt Schönleben.

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