Zeitung Heute : Tisch zu Tisch: Edogawa in Steglitz

Bernd Matthies

Noch ein paar Worte zum Mythos Michelin gefällig? Als im Spätherbst wieder die Sterne fällig waren, und das ominöse rote Büchlein in den Handel kam, da erreichte die Berliner Redaktionen auch das Fax eines bis dato wenig aufgefallenen japanischen Restaurants: Man lade zur Michelin-Party. Bitte?, sagten wir, Michelin? Wie heißt das Restaurant? Haben wir was übersehen? Ja, und dann stellte sich heraus, dass das Steglitzer "Edogawa" einfach nur die Aufnahme in den Führer feiern wollte und keinesfalls einen Stern oder Ähnliches.

Immerhin: Viele Japaner stehen nicht drin im Michelin, in Berlin kein anderer, und das, obwohl in einigen sehr anständig gekocht wird. Das legt die Latte hoch, man kommt mit großen Erwartungen - und landet dann am Ende doch nur wieder in der Mittelklasse der rituellen standardisierten Japan-Küche, wie sie an vielen Orten der Stadt anzutreffen ist: Entweder gibt es die heißen Teppanyaki-Tische mit den Köchen zum Zuschauen, oder die Gäste werden mit asiatischen Fondue-Varianten wie Shabu-Shabu oder Sukiyaki unterhalten; Rückschlüsse auf die Qualität der Küche lässt beides nur in sehr engen Grenzen zu. Das Edogawa pflegt in Ermangelung von Teppanyaki-Tischen die Sukiyaki-Variante.

Wir haben diese gewiss angenehmen kulinarischen Gesellschaftsspiele also ignoriert und gekostet, was die Küche in eigener Regie essfertig auf die Teller bringt. An Sushi und Sashimi führt kein Weg vorbei, und die Varianten hier sind handwerklich einwandfrei gemacht, ohne neue Perspektiven zu öffnen - anderswo gibt es inzwischen Interessanteres. Sehr schön die Yakitori-Spieße vom Huhn mit Lauch, gut gelungen die angenehm fettarme Tempura mit Fisch, Gemüse, Scampi und Gemüsen, leicht und würzig das in feine Streifen geschnittene Rindfleisch mit Sprossen in Sojasauce. Ach, Soja: Am Ende eines solchen Essens ist man des Multikulti-Maggis definitiv überdrüssig und wünscht sich zumindest die linde Würzvielfalt eines guten chinesischen, besser aber thailändischen Restaurants. Die übliche Handvoll Weine aus Übersee bringt hier auch nur wenig Abwechslung: der stets empfehlenswerte, holzfreie "Poacher" von St. Hallett (Barossa, Australien) kostet 20 Euro.

Fans und Stammgäste wird das nicht beeindrucken, und ich habe nicht die Absicht, mich mit ihnen anzulegen. Aber auch sie werden nicht abstreiten können, dass das Essen im "Edogawa" mit einer ziemlich geschäftigen Beiläufigkeit über die nackten, schmucklosen Holztische gebracht wird, gipfelnd in den wirklich peinlich schwindsüchtigen Papierservietten, die auch nach allem Herumgefummel mit den Stäbchen und ausdrücklicher Nachbestellung nicht ersetzt werden. Möglicherweise muss das so sein in Steglitz, zugegeben. Aber ich habe nicht wirklich erkennen können, was dieses Restaurant so über die Konkurrenz hebt, dass es im Michelin erwähnt wird und die anderen nicht.

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