Zeitung Heute : Tod in der Deutschstunde

Ein Student, zwei Pistolen, 33 Tote – das Massaker von Blacksburg und die Fassungslosigkeit am Tag danach

Matthias B. Krause[New York]

Auf dem Passfoto blickt er gerade in die Kamera. Die Augen weit geöffnet, die Brauen gehoben, die Lippen geschlossen. Cho Seung-Hui, Mörder von 32 Studenten an der Virginia Tech University in Blacksburg. „Wir haben Schwierigkeiten, etwas über ihn herauszubekommen“, sagt ein Universitätssprecher am Dienstagmorgen kurz nachdem Hochschul-Präsident Charles Steger die Identität des Mannes bekanntgegeben hatte, der nach seiner Bluttat Selbstmord beging. Er sei ein Einzelgänger gewesen, 23 Jahre alt, als Kind 1992 mit seinen Eltern eingewandert aus Südkorea. Aufgewachsen in einem Vorort der Hauptstadt Washington, wo seine Eltern bis heute eine Reinigung betreiben. Er studierte Englisch im vierten Semester, stand kurz vor dem Abschluss.

Die Texte, die er in einem seiner Kurse für Kreatives Schreiben abgab, fand seine Professorin so beunruhigend, dass sie ihn an den Psychologischen Dienst der Universität weitervermittelte. „Es gab Bedenken“, sagt die Chefin der Englisch-Fakultät, Carolyn Rude, „manchmal geben Leute in diesen Kursen Dinge frei, von denen man nicht weiß, wie real sie sind. Aber wir sind alle dazu angehalten, so etwas nicht zu ignorieren.“ Weitere Details tauchen nur scheibchenweise auf, viele bleiben den ganzen Tag lang unbestätigt. Der Nachrichtensender ABC berichtet, die Ermittler hätten in Chos Studentenwohnheimzimmer eine Art Abschiedsbrief gefunden. Es soll ein Dokument wirren Inhalts sein, in dem er sich erklärt. „Ihr habt mich dazu gezwungen“, soll er geschrieben haben. Gegen „reiche Kinder“, „Lotterleben“ und „Scharlatane“ wettert er darin angeblich.

Andere glauben zu wissen, dass der blutigste Amoklauf in der Geschichte der USA als Beziehungsdrama begann. Demnach war die in dem Studentenwohnheim West Ambler Johnston am Montagmorgen erschossene 18-Jährige Emily Hilscher – das erste Todesopfer – möglicherweise seine Freundin. Cho ermordete auch den Wohnheimältesten Ryan Clark, ehe er offensichtlich in sein Zimmer zurückging, nachlud und seine blutige Tat eine halbe Meile entfernt fortsetzte, in einem Universitätsgebäude, das Norris Hall heißt.

Dort, wo sich auch Derek O’Dell befand. Sobald er die Augen schließt, spielt sein Hirn den immer gleichen Film ab: Montagmorgen, kurz nach neun. Die Studenten trudeln langsam in den Raum 207 ein. Deutsch steht auf dem Programm. Zwei Mal steckt ein junger, asiatisch aussehender Mann den Kopf zur Tür herein. Knapp einsachtzig groß, dunkle Jacke, blaue Jeans. Zwei Mal verschwindet er wieder. Als er das dritte Mal auftaucht, hat er zwei Pistolen in der Hand, geht auf den Professor zu, schießt ihm in den Kopf. Dann richtet er die Waffen auf die Studenten.

Alle stürzen zu Boden, suchen Deckung. Doch nichts kann sie schützen. „Er hat die Leute einfach so abgeknallt“, sagt O’Dell, „einfach so. Es war fast, als wäre er darin trainiert, zu töten.“

Nach ein paar Minuten, einer Ewigkeit, zieht der Schütze weiter, verrichtet sein grausames, gnadenloses Werk in den Nebenräumen. O’Dell liegt immer noch auf dem Boden, sein Arm blutet stark. Von seinen vielleicht 20 Kommilitonen sind die meisten tot oder liegen im Sterben. Noch einmal kommt der Amokläufer zurück, noch einmal feuert er Schüsse ab. Dann verbarrikadieren O’Dell und drei Weitere, die noch am Leben sind, die Tür. Sie stemmen sich dagegen, als der Schütze erneut wiederkommt, er feuert durch das Holz. Endlich lässt er von ihnen ab, zieht weiter. „Er war sehr sorgfältig“, erinnert sich Erin Sheehan, eine der Überlebenden aus 207, „einfach ein normal aussehender Typ mit einer Art Pfadfinder-Kleidung.“ Trey Perkins wundert sich über den „ernsten und sehr ruhigen Gesichtsausdruck“ des Mörders.

O’Dell, Sheehan und Perkins sind drei von vier Menschen, die den Klassenraum 207 in der Norris Hall lebend verlassen. Wieder und wieder erzählen sie am Tag danach ihre Geschichte für die Fernsehreporter. Sie berichten gefasst und klar, mit vereisten Gefühlen. Noch funktioniert der Selbstschutz bei den meisten. Und neben den vielen Opfern gibt es auch Helden an dem Tag, Menschen, die anderen Menschen das Leben retteten.

So wie Professor Liviu Libresu, der sich dem Todesschützen in den Weg stellte, damit seine Studenten fliehen konnten. Er bezahlte dafür mit dem Leben. Andere hatten mehr Glück.

Zum Beispiel Zach Pektewicz, der, als er die Schüsse aus Raum 207 hörte, sofort schaltete. Mit Hilfe eines Kommilitonen verbarrikadierte er die Tür ihres Klassenraumes mit einem Tisch. Als der Amokläufer sie aufzustemmen versuchte, umklammerten Pektewicz und sein Helfer – links und rechts neben der Tür stehend – die Enden des Tisches und stemmten sich dagegen. Bevor der aufgab, feuerte er noch zwei Schüsse in die Tür, doch zum Glück war der Tisch lang genug: Pektewicz und sein Kollege waren durch die Wand geschützt.

„Viele denken, Sie sind ein Held und haben vielen das Leben gerettet“, sagt eine CNN-Reporterin zu Pektewicz. Der will antworten, doch da versagt ihm die Stimme. Er schluchzt nur laut, Tränen schießen in seine Augen. „Ich bin dankbar, dass ich überhaupt hier bin“, murmelt er kaum verständlich. Die Reporterin gibt zurück an den Moderator.

Nach dem Blutbad herrscht auf dem Campus im idyllischen Bergstädtchen Blacksburg am Rande der Appalachen Ungewissheit, Unverständnis und Wut über das, was am Montag über die Universität hereinbrach.

„Wir arbeiten daran zu verstehen, was gestern passiert ist“, sagt Universitätspräsident Steger am Dienstagmorgen. Er kündigt an, dass der Unterricht bis zum Ende der Woche ausfällt. Wer länger frei haben will, soll sich mit seinen Vorgesetzten oder Professoren in Verbindung setzen. Norris Hall, der Tatort, bleibt bis zum Ende des Semesters geschlossen. Am Nachmittag kommt Präsident George W. Bush zu einem Gedenkgottesdienst auf den Campus.

Cho schoss mit zwei Pistolen, einer Neun-Millimeter-Waffe des Herstellers Glock und einer Walther. Augenzeugen berichten, er habe die Magazine gewechselt wie einer, der viel Übung darin hat. Er sei besonders brutal gewesen, sagt Joseph Cacioppo, Arzt am Montgomery Hospital in Blacksburg, in dem neun Verletzte liegen: „Keiner, den ich gesehen habe, hatte weniger als drei Schusswunden.“

Das ist die Form von Klarheit, die am Dienstag herrscht. Ansonsten gibt es fast nur Fragen. Vor allem die: Haben Universität und Polizei richtig reagiert, als sie von den ersten beiden Toten im Studentenwohnheim erfuhren? Kaum jemand auf dem Campus versteht, warum die Universitätsleitung erst knapp zwei Stunden nach den Morden im Wohnheim eine Warnung über E-Mail herausschickte und nicht den ganzen Campus abriegelte. Als sich die Nachricht von dem Vorfall unter den 25 000 Studenten und den 10 000 Universitätsangestellten endlich verbreitete, hatte Cho längst seine Bluttat fortgesetzt.

Er habe nach der E-Mail bei der Univerwaltung angerufen und nachgefragt, was er nun tun solle, berichtet Blake Harrison, 21. Ihm sei gesagt worden, er solle Vorsicht walten lassen und sich zu seinem Klassenraum aufmachen. „Ich bin nicht ärgerlich“, sagt er, „ich bin superwütend.“ Billy Bason, 18, ein Student, der im sechsten Stock des Wohnheims lebt, in dem Cho zwei Menschen erschoss, sagt: „Die Universität hat Blut an ihren Händen.“ Derek O’Dell, der Überlebende aus Klassenzimmer 207, ist anderer Meinung: „Ich denke, sie haben richtig gehandelt. Es war extrem schwierig, das Richtige zu tun. Keiner verstand, was passierte und warum.“

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