Tod in Schönfließ : Das Echo der Schüsse

Rache, Eifersucht, Lynchjustiz? Ein gesuchter Kleinkrimineller ist tot, eine Stadt entsetzt, und die Berliner Polizei muss sich plötzlich unangenehme Fragen gefallen lassen.

Tanja Buntrock,Sandra Dassler
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Zwei von acht. Von der polizeilichen Spurensicherung markierte Einschusslöcher auf der Beifahrerseite des Wagens, in dem der...

Berlin/SchönfließSie hat am Fenster gestanden und rausgeschaut auf ihre stille Straße in der Siedlung, in der sie seit ein paar Jahren lebt. Sie trug ihr Kind auf dem Arm. Das Jahr 2008 ging zu Ende, es war der Silvesterabend. Draußen war es schon dunkel, und es war kalt. Sie hat auch das fremde Auto gesehen. Es stand wieder da auf einem der Parkplätze in der Straße, die gegen 50 Euro Monatsgebühr an Anwohner vermietet sind.

Ein helles großes Auto und hinter dem Steuer die dunkle Silhouette eines Mannes. Er war auch am Tag zuvor dort gewesen. Da saß eine junge Frau mit drin, die dann ausstieg und fortging. Sie drehte sich noch ein paar Mal um und hauchte Küsse über die hochgehobene Hand in Richtung Auto. Wahrscheinlich wartet er wieder auf seine Freundin, dachte die Frau am Fenster und ärgerte sich ein bisschen, weil er dort nicht parken dürfte.

Sie sah ein leuchtendes Display an seinem Ohr, er schien zu telefonieren. Bevor sie noch finden konnte, dass sie nicht länger aus dem Fenster schauen will, kam ein anderes Auto angefahren, direkt zu dem parkenden hin, die Türen wurden aufgestoßen, zwei Männer sprangen schnell heraus. Einer hielt eine Waffe in der Hand. Laute Rufe ertönten. Dann knallte es.

"Die müssen von der Mafia sein"

Die Frau am Fenster erschrak. Sie hielt das Kind fest und lief weg vom Fenster, tief hinein ins Haus. Die schießen, dachte sie. Sie rannte zum Telefon, ihre Finger zitterten, als sie wählte. 110. Die Polizei. Hier wird geschossen. Dann rief sie ihren Mann an. "Sie war sicher, dass die beiden Männer von der Mafia sein müssten", sagt der.

Stunden später erfuhr sie, dass es anders war, erfuhr die Siedlung Schönfließ im Norden von Berlin, erfuhr die ganze Stadt, dass es anders war. Dass es ein Polizist war, der mitten in einer Siedlung am frühen Silvesterabend, zu einer Zeit, als Familien mit kleinen Kindern zum Böllern vor ihre Häuser treten, einen Mann erschoss, ihm und seinem Wagen mehrere Kugeln hinterherjagte, die sonst wen hätten treffen können.

Erst hieß es, die insgesamt drei Beamten hätten sich schützen müssen vor einem gesuchten Kriminellen, der mit dem Auto auf sie zugerast sei, um sich der Verhaftung zu entziehen. Das wurde dann überprüft, der Tathergang nachgestellt, Ballistiker rechneten, am gestrigen Mittwoch haben sie den Hergang dann noch ein Mal rekonstruiert, da war aber schon klar, es ist gelogen worden. Was also war geschehen?

Es ist alles schiefgeganngen, was nur schiefgehen konnte

Ein Entsetzen ist in den Tagen über die Menschen gekommen. Erst wurde über ein Beziehungsdrama spekuliert: Der Tote und der Polizist, liebten beide die junge Frau, die die Kusshände geworfen hat? Dann hieß es, vielleicht habe der Polizist die Nerven verloren, weil er sich provoziert fühlte durch den immer wieder erfolgreich entwischenden Kleinkriminellen, den jungen Mann aus dem Auto: Dennis J., 26, 160 Straftaten stehen in seinem Register, drei Haftbefehle lagen vor.

Es ist ein Fall, der auch die gesamte Berliner Polizei erschüttert. Gegen den Beamten Reinhard R., 34 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, erging Haftbefehl wegen Verdachts auf Totschlag. So etwas hat es in der jüngsten Geschichte der Berliner Polizei noch nicht gegeben. "Damit sind wir auf lange Zeit blamiert", sagt ein Polizeibeamter. Die Stimmung unter den Kollegen sei angespannt. Bei dem Einsatz der drei Zivilfahnder vom Wilmersdorfer Abschnitt 25 sei wohl so ziemlich alles schiefgegangen, was nur schiefgehen könne. "In deren Haut möchte keiner stecken", sagt der Beamte.

Acht Kugeln flogen durch die kalte Nacht, das ganze Magazin seiner Dienstwaffe hat Reinhard R. leergefeuert. Offenbar ohne Not. Und schon der erste Schuss war tödlich.

Dennis J. war bei den Fahndern bekannt

Dennis J., aufgewachsen in Berlin-Neukölln, im Kiez rund um die Schillerpromenade, gelernter Zweiradmechaniker, ist der Polizei seit Mitte der 90er Jahre bekannt. Fahren ohne Führerschein, Einbruch, Diebstahl, aber auch Gewalttaten wie Raub und Körperverletzung. Zuletzt trieb er sich viel in Charlottenburg und Wilmersdorf herum. Am 3. Juli beging er dort einen Einbruch. Schon einmal war er Polizeibeamten nach einer Straftat entkommen, von einer "hollywoodreifen Verfolgungsjagd" spricht die Polizei. Diesmal hatte ihn ein Beamter schon im Griff, da sprühte ihm Dennis J. Pfefferspray ins Gesicht.

Nach dieser Aktion, sagen sie bei der Polizei, habe jeder Fahnder im Abschnitt 25 Dennis J. gekannt. Mit drei Haftbefehlen wird er gesucht: Einer, weil er eine 13-monatige Haftstrafe nicht angetreten hat, einer wegen Diebstahls und einer wegen "vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis".

Dennis J. taucht unter, lernt auf der Flucht Patricia, genannt Ticy, kennen, die in der Siedlung in Schönfließ wohnt. Ihr Stiefvater ist Bundespolizist. Und offenbar nicht sehr begeistert über den neuen Freund seiner Tochter.

"Wer Bulle ist, der kennt sich aus"

Silvester wollen Dennis und Ticy zusammen feiern, in Reinickendorf, in der Wohnung eines Freundes. Dennis soll Ticy abholen. Eine Woche vor Silvester ist Dennis in eine Wohnung eingebrochen und hat dort die Autoschlüssel für den hellen Jaguar gestohlen. Mit dem rollt er am frühen Abend in die Siedlung, macht den Motor aus und wartet auf Ticy. Er dreht die Musik auf.

Etwa zur selben Zeit bekommen die Zivilfahnder im Wilmersdorfer Abschnitt 25 einen Tipp, wo Dennis J. steckt.

Die Staatsanwaltschaft spricht nur davon, dass der Hinweis "aus der Familie der Freundin von Dennis J." stammt. Doch es gilt als wahrscheinlich, dass Ticys Stiefvater, der Bundespolizist, bei der zuständigen Direktion anrief. Vielleicht sogar bei der zuständigen Dienststelle - den Fahndern des Ku'damm-Abschnitts 25. "Wer Bulle ist, der kennt sich aus. Der weiß, wo er wen anrufen muss. Man spricht die gleiche Sprache", sagt ein Ermittler.

Für die Zivilfahnder muss alles sehr schnell gehen. Endlich wissen sie, wo der Gesuchte steckt. Reinhard R. ist der Ermittlungsleiter. Zusammen mit seinem Kollegen, einem Oberkommissar, springt er in das Zivilauto. Sie haben es eilig und holen den dritten Kollegen, er ist 60 und arbeitet als Kontaktbereichsbeamter, eine Stunde vor dessen Dienstbeginn zu Hause ab. Der Kollege ist Karatekämpfer, heißt es. Weil sie nicht noch einmal extra auf die Wache am Ku'damm zurückfahren wollen, kommt der dritte Kollege ohne Dienstwaffe mit. Die liegt in seinem Waffenschließfach - ordnungsgemäß - auf der Dienststelle.

Gegen 18 Uhr spüren sie Dennis J., der in dem geklauten Jaguar sitzt und Musik hört, in der Feldahornstraße auf. Dann die Schüsse.

Notwehr, verkündete die Staatsanwaltschaft zunächst. Ein Querschläger.

Dann treten schon die ersten von vielen Ungereimtheiten auf.

Reinhard R. stand beim ersten Schuss - der tödlich war - auf der Fahrerseite. Aus "kurzer Distanz" soll er durch das geschlossene Fenster auf Dennis J. gefeuert haben. Und das nur, weil der nicht die Tür aufmacht, während er in dem gestohlenen Wagen sitzt? Warum schießt Reinhard R. auf ihn, obwohl Dennis J. noch nicht mal den Motor angelassen hat, um möglicherweise zu flüchten? Und selbst als der durch die Kugel getroffene Dennis J. es schafft, mit dem Jaguar aus der Parklücke zu fahren und den Polizeiwagen rammt, dann noch 200 Meter weiterrollt, bis er am Ende an einer Mauer zum Stehen kommt und stirbt, feuert Reinhard R. sieben Kugeln auf das Auto.

"Nichts gehört und nichts gesehen"

Auch die Kollegen von R. müssen sich neue Fragen stellen lassen. Sie wollen laut Staatsanwaltschaft "nichts gehört und nichts gesehen haben". Seien abgelenkt gewesen von den vielen Böllern. Der dritte Beamte habe sowieso die ganze Zeit im Dienstwagen gesessen, weil er per Handy das Kennzeichen des Jaguars überprüft habe. Doch an übermäßigen Böller- und Knaller-Lärm können sich etliche andere Zeugen, Anwohner, die Frau am Fenster, nicht erinnern. "Die beiden beteiligten Beamten konnten uns bislang nicht weiterhelfen mit ihren Aussagen", bemängelt die Staatsanwaltschaft.

Korpsgeist? Haben sie sich verabredet zu einer ungeheuerlichen Tat? Darf man das von Polizisten, den bewaffneten Vertretern des Gesetzes, von Sicherheit und Ordnung, überhaupt denken?

Am Mittwoch hört die Ehefrau eines Polizisten in einer Lankwitzer Bäckerei mit, wie sich zwei junge Polizisten über den Fall unterhalten. Wie sie von notwendigem Schusswaffengebrauch reden und dass sie sich absprechen würden vor Prozessen. Ist das typisch?

Die Meinungen sind gespalten

In der Reihenhaussiedlung von Schönfließ haben Dennis J.s Freunde ein Kreuz errichtet. An einer Regenrinne, gleich neben der Stelle, an der er starb. Dutzende Grablichter, im Frost erstarrte Rosen, Fotos, Bilder, ein Plüsch-Tiger und Briefe. Von Ticy, von Freunden. Sie wünschen ihm mehr Glück, da, wo er jetzt ist. Morgen werden sie ihn beerdigen. Und vor dem Polizeipräsidium protestieren.

Es gibt in der Siedlung, seit die einzige Gaststätte geschlossen hat, keinen sozialen Mittelpunkt mehr. Man trifft sich in drei Geschäften in einem tristen Flachbau. Deren Betreiber wollen sich nicht zum Tod von Dennis J. äußern, um keine Kunden zu verprellen. Die Drogerie-Verkäuferin erzählt, dass die Meinungen gespalten seien: "Viele schütteln den Kopf, es gibt aber auch welche, die den Polizisten verteidigen."

Das Haus, in dem Patricia wohnt, liegt hinter einer Kurve rund 100 Meter entfernt von dort, wo Dennis auf sie wartete. An der Tür hängt noch Weihnachtsschmuck, vor der Haustür steht ein voller Aschenbecher. Vielleicht hat von hier ein Vater die Polizei angerufen, um seine Tochter vor schlechtem Umgang zu bewahren, und nun ist ein Mensch tot. Patricia oder ihr Stiefvater haben keinem Journalisten die Tür geöffnet. Klingelt jemand, gehen die Jalousien zu.

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