Zeitung Heute : Tod und Gesang

Ein Abend in der Oper mit mutigen Gästen

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Natürlich sind die Fernsehteams gekommen. Zwei Privatsender hätten gern schönes Material für ihre Spätnachrichten. Die Kameraleute strolchen durchs Foyer der Deutschen Oper und suchen nach … ja, nach was? Ängstlichen Gesichtern? Muslimischen Fanatikern? Dabei steht doch für diesen Abend nur Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ auf dem Plan. Für Islamisten völlig uninteressant.

Es ist der Abend nach dem großen Theater um die Oper „Idomeneo“, in der unter anderem eine Mohammedpuppe geköpft wird, was Intendantin Kirsten Harms dazu veranlasst hatte, die Aufführung vorsichtshalber gleich ganz abzusagen – hier müsste es also sein, das Epizentrum des Bebens, in diesem Betonwürfel in Berlin-Charlottenburg. Aber die Kameramänner gucken immer verzweifelter. „Das gibt ja nun gar nix her“, mault einer.

Doch, ja, „Idomeneos“ Sturz ist ein großes Thema in der Pause, es wird viel diskutiert darüber, wer nun Recht hat, Frau Harms oder aber der Innenminister, der findet: vorschnell! Zensur ist das Thema, die Freiheit der Kunst. Aber Angst? Davor, dass nun auch dies Haus ins Visier der Terroristen gerückt ist? Die Gäste sind gelassen, man sei an den Tod in der Oper ja gewöhnt, scherzt einer. Ein anderer meint, Frau Harms habe wohl „die Ängstlichkeit der Provinz mit in die Großstadt“ gebracht. Und die, die den „Idomeneo“ schon mal gesehen haben, mochten ihn nicht und würden eh nicht wieder reingehen. Ein Thema, über das man sich den Kopf heiß reden kann, ein Glas Sekt – die Pausenordnung bleibt also erhalten. Bemerkenswert nur, dass in den Fächern mit den alphabetisch geordneten Infoblättern zu den aktuellen Aufführungen nun eine Lücke klafft: „Germania“ – Lücke – „Lucia di Lammermoor“.

Die Diskussionen im Haus dauern schon den ganzen Tag. Jeder hat hier eine Meinung. Am Mittwochnachmittag, als gerade eine Schülergruppe die Oper erklärt bekommt (es fällt der prophetische Satz: „Je näher der Tod, desto schöner der Gesang“), meint die Kartenverkäuferin: „Hinten sind wohl einige böse Mails angekommen“, sie nickt in Richtung Verwaltungstrakt, „aber hier vorn sind die Leute freundlich.“ Sie beobachte Solidarität mit der Intendantin. „Hätte sie nicht abgesagt und es wäre was passiert, hätten alle sie gekillt.“ Aber als Opernmensch brauche man ohnehin ein dickes Fell: „Mal wird sich über eine Inszenierung aufgeregt, mal hat angeblich einer falsch geblasen – man ist ja einiges gewohnt.“

Ein Mann mit wallendem Haar kommt vorbei, ein hoher Mitarbeiter des Hauses, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber druckreif formuliert: „Ich bin froh, dass wir durch die Leitung des Hauses nicht fahrlässig einer Gefährdung ausgesetzt werden.“ Der Mann spricht von der Fürsorgepflicht der Intendantin und erinnert sich an jenen Tag, als sie über den Anruf von Innensenator Ehrhart Körting berichtet hatte: Er fahre gern hier vorbei, habe der gesagt, und er wolle sich nicht ausmalen, dass die Oper hier eines Tages nicht mehr … Nach diesem ebenso vagen wie alarmierenden Hinweis habe die Chefin keine andere Chance gehabt, als irgendwie fragwürdig zu entscheiden.

Ein grauhaariger Mann ist auf dem Weg zur Kartenkasse. Manfred Michel aus Wilmersdorf ist Stammkunde und wollte sich den „Idomeneo“ eigentlich ansehen. Regisseur Hans Neuenfels habe früher auch schon die Christen provoziert, „aber das muss man als intellektuellen Beitrag sehen und nicht als Kriegserklärung“. Die Absage finde er ebenso falsch wie verständlich – nach dem „unmöglichen“ Hinweis der Sicherheitsbehörden. Ein aus Stuttgart angereister Besucher sekundiert: Fanatiker verstünden ohnehin alles, wie sie es wollten, so dass Demut bis zur Selbstverleugnung vergebens sei.

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