Zeitung Heute : Todesstrafe live: Letzter Triumph

Malte Lehming

Alles wird gezeigt, was an die Tat erinnert: Autoschlüssel und Armbanduhren, eine braune Lederbrieftasche, die weiß-rosafarbenen Turnschuhe eines vierjährigen Mädchens und von der Hitze zusammengeschmolzene Ordner. Sogar die Explosion kann man hören. Das ohrenbetäubende Geräusch wurde zufällig bei einem Geschäftstreffen aufgezeichnet, als am 19. April 1995 der Golfkriegsveteran Timothy McVeigh ein Bürohochhaus in Oklahoma City in die Luft sprengte und 168 Menschen ermordete. Es war der schlimmste Terroranschlag, der je in Amerika verübt wurde.

Direkt neben dem zerstörten Alfred-P.-Murrah-Gebäude hat US-Präsident George W. Bush vor einer Woche ein fünf Millionen Dollar teures Museum eröffnet. Es soll dem Besucher ein Gefühl vermitteln für die Panik der Menschen, für die Trauer und den Verlust, hieß es in den Reden. Auch Videos von den Stunden und Tagen danach werden in dem Museum gezeigt. Menschen rufen Namen, suchen nach Angehörigen, Ratlosigkeit und Erschütterung in den Augen.

Sechs Jahre danach wird Timothy McVeigh hingerichtet. Am 16. Mai soll der Hauptverantwortliche für den Bombenanschlag im Staatsgefängnis von Terre Haute (Indiana) die Giftspritze bekommen. Es wird die erste Todesstrafe sein, die der Bundesstaat seit 37 Jahren vollstreckt. Alle Begnadigungsfristen hat McVeigh verstreichen lassen.

Dafür hat 32-Jährige einen Brief an den "Sunday Oklahoman" geschickt. Es sei höchst ungerecht, meint McVeigh, die Zahl der Zeugen zu beschränken, die seiner Hinrichtung beiwohnen dürfen. "Weil ich nichts dagegen habe, gefilmt zu werden, gibt es eine praktische Lösung: Macht eine öffentliche Hinrichtung daraus, erlaubt eine landesweite Fernsehübertragung."

Seit seiner Verhaftung sucht McVeigh die Aufmerksamkeit. Öffentlichkeitsscheu ist er nicht. Im Gefängnis hat er schon mehrere Interviews gegeben, und seine Biografie soll kurz vor der Hinrichtung erscheinen.

Von den mehr als tausend Überlebenden und Angehörigen hat sich bislang nur einer gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Mehr als 250 haben dagegen einen Antrag gestellt, der Exekution beiwohnen zu dürfen. Allerdings sind in dem Raum, der an das Injektionszimmer grenzt, für die Zeugen der Opfer nur acht Sitzplätze vorgesehen. McVeigh kann zusätzlich sechs Zeugen benennen. "Ich würde auf jeden Fall nach Indiana reisen und mir die Hinrichtung ansehen", sagt Kathleen Treanor, deren Tochter bei dem Bombenanschlag ums Leben kam. "Aber welche Chancen habe ich? Dabei muss ich das unbedingt sehen. Sonst werde ich mit dem Verlust nicht fertig." Auch Jannie Coverdale, die zwei Enkel verloren hat, will McVeigh sterben sehen. "Ich hasse ihn nicht", sagt sie, "aber McVeigh ist im Gefängnis genauso gefährlich wie draußen. So lange er lebt, kann er seine Überzeugungen verbreiten."

Wegen der großen Nachfrage und des geringen Sitzplatzangebotes denkt die Gefängnisleitung jetzt tatsächlich darüber nach, die Hinrichtung per Kamera in einen größeren Raum zu überspielen. Mehrere einzelne Staaten haben derartige Video-Übertragungen schon praktiziert, der US-Bundesstaat noch nie. Eine landesweite Fernsehübertragung sei allerdings ausgeschlossen, heißt es.

Inzwischen jedoch hat McVeighs Idee eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Am 20. Februar erschien in der linksliberalen "New York Times" ein längerer Beitrag unter der Überschrift: "We Should Witness the Death of McVeigh" (Wir sollten den Tod von McVeigh bezeugen). Der Autor argumentiert fast philosophisch: Eine Sache zu bezeugen, sei eine zivilisatorische Errungenschaft. Ob Geburten, Beerdigungen oder Hochzeiten: Alles Wichtige werde aus gutem Grund bezeugt. Und dasselbe Prinzip gelte auch für Hinrichtungen. "Wenn der Staat im Namen seiner Bürger tötet, sollten diese Bürger dann nicht zusehen dürfen?" Gegenüber dem kathartischen Nutzen einer Fernsehübertragung sei die Gefahr, dass daraus ein Spektakel oder McVeigh zum Märtyrer würde, gering. "Wenn wir es nicht sehen können, sollten wir es auch nicht tun. Einen Krieg im Fernsehen zu zeigen, kann die Friedenssehnsucht stärken. Eine Hinrichtung zu zeigen, kann die Sehnsucht nach Gerechtigkeit stärken."

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Tage später druckte die "New York Times" eine Reihe empörter Leserbriefe ab. Auch Angehörige, die selbst bei der Hinrichtung dabei sein wollen, protestieren gegen eine landesweite Fernsehübertragung. Die würde McVeigh als seinen letzten Triumph empfinden, sagen sie.

Doch der Streit geht weiter. Jetzt hat ein Unterhaltungskonzern angeboten, die Hinrichtung live im Internet zu senden. Die "Entertainment Network" (ENI) hat bereits einen entsprechenden Antrag bei der Gefängnisleitung eingereicht und mit McVeighs Rechtsanwalt gesprochen. "Natürlich würden wir sicherstellen, dass Kinder keinen freien Zugang zu dieser Webseite hätten", sagt David Marshlack, der Präsident von ENI. "Die Zuschauer müssten ihr Alter und ihre Kreditkartennummer angeben. Es würde 1 Dollar 95 pro Person kosten. Und von dem Erlös würden wir den Opfern des Anschlags helfen." Ob auch schon Werbespots mit dem Slogan "Menschen-Tote-Sensationen" in Auftrag gegeben worden sind, ist nicht bekannt.

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