Zeitung Heute : Tödliche Fehler

Die „Salam Boccaccio 98“ beförderte 1400 Passagiere – ursprünglich aber wurde sie nur für 500 Fahrgäste gebaut

Roland Knauer

Über 1400 Passagiere waren an Bord der „Salam Boccaccio 98“, die am Freitag auf dem Weg nach Ägypten im Roten Meer versunken ist. Was könnten die Ursachen für dieses Unglück sein?


Auf die Frage nach den Ursachen für den Untergang einer Fähre verweisen Schiffsbau-Ingenieure in den ersten Stunden nach einem Unglück meist auf die fehlenden Fakten. Erst müsse man die Katastrophe genau untersuchen, bevor man wisse, ob zum Beispiel das Schiff auf ein Riff aufgelaufen sei oder ob vielleicht die Ladung verrutscht sei, das Schiff so Schlagseite bekommen hat und dadurch gekentert sei. In den häufigsten Fällen aber spielt auch menschliches Versagen eine Rolle.

In der Nacht des 16. Dezember 1991 lief zum Beispiel die „Salem-Express“ auf dem Weg von Saudi-Arabien vor der ägyptischen Hafenstadt Safaga am Roten Meer auf ein Riff – genau vor jenem Hafen, den jetzt auch die „Salam Boccaccio 98“ anlaufen sollte. Das Schiff schlug damals leck und versank in wenigen Minuten. Laut Passagierliste starben damals mehr als 700 Menschen.

Ungeklärt ist bis heute, weshalb die „Salem Express“ von der sicheren Route abwich. Wegen eines Maschinenproblems könnte der Kapitän eine Abkürzung gesucht haben. Unter der Hand erzählt so mancher Ägypter, der Kapitän habe einfach nur schnell nach Hause gewollt und sei auf dem kürzeren Weg eben auf das Riff gelaufen.

Gut 14 Jahre später versank jetzt die „Salam Boccaccio 98“ im Roten Meer. Plötzlich war sie auf den Radarschirmen nicht mehr zu sehen. Nach ersten Angaben ägyptischer Behörden ist das Schiff rund 100 Kilometer vor dem bekannten Touristenort Hurghada gesunken. Dort aber ist das Meer ein paar 100 Meter tief, ein Riff kann der „Salam Boccaccio“ also kaum zum Verhängnis geworden sein.

Menschliches Versagen kann durchaus eine Rolle gespielt haben, so manche Fähre im Roten Meer ist nicht optimal gewartet. Fällt dann auf dem offenen Meer der Antrieb aus, kann das gerade einem Schiff wie der „Salam Boccaccio“ durchaus Probleme bereiten. Diese Fähre wurde bereits 1970 in Italien gebaut und transportierte anschließend bis zu 500 Passagiere zwischen Italien und Tunesien über das Mittelmeer. 1999 aber wurde die Fähre an eine ägyptische Reederei verkauft, die sie zeitweise für verschiedene Mittelmeer-Routen vercharterte. Unter anderem war die „Salam Boccaccio 98“ zwischen Beirut und Ancona, zwischen Tanger und Savona, sowie zwischen Genua und Tunis unterwegs.

500 Passagiere waren den neuen Eigentümern aber wohl zu wenig, auf das Schiff wurde ein gewaltiger Aufbau gesetzt, so dass später 1300 Passagiere Platz fanden. Selbst der Besitzer eines einfachen Segelbootes aber weiß, dass sich der Schwerpunkt eines Schiffes ändert, wenn zwei oder drei Decks oben- drauf gesetzt werden. Bringen Wind und Wellen ein solches Schiff erst einmal ins Wanken, verstärkt die zusätzliche Masse über dem Wasserspiegel diese Bewegung leicht weiter – ein solches Schiff kentert also leichter.

Dieses Problem kannten natürlich auch die für den Umbau zuständigen Ingenieure und gaben dem Schiff deshalb einen um 33 Zentimeter erweiterten Tiefgang. Vermutlich befestigten sie einfach Gewichte am Bug, die das Schiff tiefer ins Wasser drücken. Trotzdem wirkt die „Salam Boccaccio“ auf Bildern auffallend hoch und unproportioniert – das Schiff bot den Elementen über dem Wasserspiegel reichlich Angriffsmöglichkeit.

Autos konnten über eine große Heckklappe auf dieses Schiff fahren und es vermutlich über eine seitliche Klappe im Bugbereich wieder verlassen. Wurden diese Klappen nach dem Verlassen des saudischen Hafens nicht richtig geschlossen, könnte dort Wasser eingedrungen sein, das innerhalb des Schiffes bei kräftigen Wind hin und her schwappt – und ein Schiff ebenfalls kentern lassen kann.

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