Zeitung Heute : Tödliches Mißtrauen

MALTHE LEHMING

Um den Preis des Friedens zur Partnerschaft verdammt zu sein: Von dieser Einsicht waren die Kontrahenten in Nahost seit den Verträgen von Oslo und Washington noch nie so wenig durchdrungen wie jetzt.VON MALTHE LEHMINGMan stelle zwei etwa gleich große Menschen Rücken an Rücken, binde ihnen ein starkes, elastisches Gummiband um den Körper und lasse sie mit aller Kraft loslaufen.Das Resultat ist klar: Je weiter sie sich voneinander entfernen, desto härter wird der Rückprall sein.Und derjenige, von dem sie wegwollten, ist auch derjenige, dem sie die blauen Flecke verdanken.Aber weil sie verletzt und deshalb wütend sind, laufen die beiden erneut los, diesmal noch schneller.Willkommen also im Nahen Osten, wo wieder Raketen auf Israel abgeschossen werden, Selbstmordattentate Angst und Schrecken verbreiten, wo im Gegenzug die Siedlungspolitik forciert und eine rigide Blockade über palästinensische Gebiete verhängt wird.Und als würden allein die Taten nicht für sich sprechen, heizen Worte die Stimmung zusätzlich an.Palästinenserpräsident Jassir Arafat sieht in den israelischen Strafmaßnahmen eine "Kriegserklärung" und warnt vor einer "gigantischen Explosion".Israels Premier Benjamin Netanjahu vergleicht daraufhin die palästinensische Regierung mit den Terrorregimes in Iran, Irak und Libyen. Um den Preis des Friedens zur Partnerschaft verdammt zu sein: Von dieser Einsicht waren die Kontrahenten seit den Verträgen von Oslo und Washington noch nie so wenig durchdrungen wie jetzt.Sie spüren nur die Abneigung, nicht aber die Schnur, die sie verbindet.Sie kultivieren das Mißtrauen voreinander, nicht aber die Vernunft.Wo es um das Zusammenleben zweier Völker, die Zukunft einer ganzen Region geht feilschen sie wie auf einem Basar ­ "der andere hat angefangen".Ihr einziges Motto scheint zu sein: Nicht der Klügere, sondern der Schwächere gibt nach.Und für die Folgen der eigenen Kurzsichtigkeit wird natürlich stets der andere verantwortlich gemacht werden.Es ist ein Trauerspiel, das die hektische Besuchsdiplomatie, die derzeit wieder ausgebrochen ist, nur mühsam kaschiert. Bedarf es wirklich des amerikanischen Präsidenten, um die Israelis daran zu erinnern, daß es einen Unterschied gibt zwischen dem Bemühen der palästinensischen Behörden, den Terrorismus zu bekämpfen und einem Erfolg auf diesem Gebiet? Ist denn das Problem des Terrors erst mit dem Friedensprozeß entstanden, mit der Übertragung von Autonomierechten an die Palästinenser? Nein.Mit seiner Forderung nach absoluter Sicherheit reizt Jerusalem eindeutig zu hoch.So wichtig es ist, die Fanatiker entschlossen zu bekämpfen, so wahr ist es andererseits, daß deren Motivation auf einem Boden gedeiht, den Israel mitgedüngt hat.Denn der vollends Hoffnungslose schreckt auch vor Gewalt nicht zurück.Was nützt den Palästinensern ihre beschränkte Freiheit von den Fesseln der Besatzungsmacht, wenn das, wonach sie streben ­ einen eigenen Staat ­ Tag für Tag in das Reich der Utopie gerückt wird? Ohne ihnen eine realistische und würdige Perspektive zu eröffnen, muß das Versöhnungswerk scheitern. Allerdings sind die Aussichten düster, daß die Kontrahenten ohne Druck von außen zur Vernunft zurückfinden.Arafat ist nicht so stark, wie Netanjahu suggeriert, wenn er ihm das Sicherheitsproblem überantwortet.Netanjahu wiederum ist nicht so stark, wie ihn Arafat darstellt, wenn er ihn als Hauptschuldigen an der Malaise brandmarkt.Beide sind auch Gefangene ihrer Rhetorik, in beständiger Gefahr, das eigene Klientel zu verprellen.Vielleicht wird ihnen das langsam sogar selbst bewußt.Ein Neuanfang kann daher nur mit Hilfe der USA gelingen.Sie sind als einzige Macht in der Lage, die Verhandlungen zu beeinflussen.Bislang hielt sich Washington zurück.Man habe sich nicht einmischen wollen, hieß es.Aber in einer Situation wie dieser ist distanzierte Anteilnahme zu wenig.Sie käme, schlimmstenfalls, einer unterlassenen Hilfeleistung gleich.

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