Zeitung Heute : Tolstois Nachttopf

TOBIAS RÜTHER

Wunderlich: Das "Teatr ATCh" spielt Daniil Charms im Hebbel-TheaterTOBIAS RÜTHERSo muß ein Dichter aussehen: schmächtige Gestalt, runde Brille, langer Mantel, grauer Hut.Mit müdem Blick aus traurigen Augen und einer Stimme, die in der Herablassung ihren Tonfall gefunden hat.Dieses Abziehbild des gebrochenen Poeten thront auf einem Podest hoch über der Bühne des Kreuzberger Hebbel-Theaters und mokiert sich über die Dummheit seiner Mitmenschen."Warum ich besser als alle anderen bin", fragt er sich, und da schwingt kein Größenwahn mit: Das ist eine Feststellung.Und zugleich der Titel eines "Selbstportraits in expressionistischer Manier" des russischen Schriftstellers Daniil Charms (1905-1937), das als Gastspiel der russischen Off-Theatergruppe "Teatr ATCh" im Hebbel-Theater gegeben wird. Warum also ist Daniil Charms klüger, witziger, charmanter als der Rest der Welt? "Eigentlich bin ich genauso wie ihr, nur besser".Sein Freund Onejkin entdeckte, daß eine 6 auf den Kopf gestellt eine 9 ergibt.Wie gewöhnlich! Charms dagegen fand eine Methode, den Augenblick festzuhalten: Man muß nur "Ras, Dwa, Tri" rufen.Das ist - mit Verlaub - genial. Sechs Schauspieler illustrieren in kleinen Szenen die wunderlichen, hintergründigen Anekdoten und Aphorismen.Die Akteure spielen mit dem ganzen Körper, verbiegen sich, tollen miteinander herum.Da verführt füßelnd ein Mann eine Frau, da behängt einer den anderen mit Trauben, steckt ihm einen Apfel in den Mund, Kerzen in die Ohren und entzündet die dann.Nur will dieser Slapstick nicht zum launischen Eigenlob des Poeten passen.Mit Absicht: Wir sehen absurdes Theater.Da hat Verstörung Methode. Nur einmal spielen Dichter und Darsteller miteinander.Ein Großväterchen mit angeklebtem Bart kommt auf die Bühne: Es ist Tolstoi, der einen Nachttopf am Band hinter sich her zieht."Tolstoi", ruft Charms herab, "was hast du da?" - "Ich habe etwas geschaffen, was ich der Welt zeigen möchte" gibt der zurück.Und schlurft gebeugt von der Bühne. Hebbel-Theater, in russischer Sprache mit deutscher Übertitelung, heute letzte Vorstellung, 20 Uhr

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