Tom Cruise im Interview : "Ich sprang mit dem Fallschirm von der Garage“

Als Vierjähriger suchte Tom Cruise noch die Gefahr. Heute freut er sich, wenn er nachts durch den friedlichen Tiergarten spazieren kann.

Interview: Bruno Lester
Cruise
Tom Cruise. -Foto: AFP

Mr. Cruise, Ihr neuer Film „Operation Walküre“ hat einige Kontroversen ausgelöst; eine Kritikerin bezeichnete Sie als „Erdmännchen mit Augenklappe“. Wie würden Sie selbst den Film beschreiben?



Er ist einmalig. Spannend. Ein zeitloser Thriller über einen Menschen, der sich einem schier aussichtslosen Kampf stellt. Als ich das Drehbuch von Christopher McQuarrie und Nathan Alexander gelesen habe, war mir sofort klar, dass es sich um eine äußerst wichtige Geschichte handelt, eine wahre Geschichte über den heldenhaften Widerstand gegen einen der größten Verbrecher überhaupt.

Viele Filmkritiker fanden von Anfang an, dass das Projekt keine gute Idee ist. Verwundern Sie die Attacken auf „Operation Walküre“?

Ja, absolut. Ich habe mich zwar inzwischen an extrem zugespitzte und falsche Überschriften in der Presse gewöhnt, aber während der Produktion erreichte das Ganze noch mal eine neue Dimension. Dagegen kann man letztlich nichts machen. Es ist gut, dass der Film jetzt in den Kinos läuft und sich das Publikum selbst ein Bild machen kann. In diesem Geschäft geht es ja nicht darum, was die Kritiker denken oder was ich denke, sondern darum, wie das Publikum den Film annimmt.

Eine historische Figur zu porträtieren, kann seine Tücken haben.

Ich trage eine große Verantwortung gegenüber den Deutschen, für die ein Mann wie Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg so viel bedeutet. Und ich fühlte beim Dreh auch eine Verantwortung gegenüber Stauffenberg selbst. Je mehr ich über ihn herausfand, desto mehr wuchsen mein Respekt und meine Bewunderung für ihn.

Sie wissen, dass Sie Stauffenberg ähnlich sehen …

… rein aus dem Bauch heraus würde ich zustimmen, ja, unsere Profile gleichen einander. So eine rein physische Ähnlichkeit macht einen als Schauspieler natürlich neugierig.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Rollen vor?

Intensiv. Natürlich ist das viel Arbeit, aber Arbeit hat für mich viel mit Stolz zu tun und ist mir daher ein Quell der Freude. Die Vorbereitung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Ich bin eben überhaupt nicht gut darin, halbe Sachen zu machen.

Warum wollten Sie unbedingt an Originalschauplätzen drehen und nicht ganz bequem in einem klimatisierten Studio in Hollywood?


Wir wollten die innere Wahrheit der Geschichte so gut wie möglich hervorbringen, und dabei helfen Originalschauplätze nun mal. Ein paar Szenen haben wir im Bendlerblock in Berlin gefilmt, wo Dutzende von Hitlers Soldaten am 20. Juli 1944 das Regime stürzen wollten. Es war eine atem beraubende Erfahrung, genau an der Stelle zu stehen, wo diese Menschen ihr Leben riskiert haben. Es gibt nichts auf der Welt, was diesen Effekt simulieren kann. Das Wissen um die Authentizität der Schauplätze hat mein Spiel stark beeinflusst.

Wussten Sie eigentlich vor den Dreharbeiten viel über den Zweiten Weltkrieg?

Der Zweite Weltkrieg hat mich schon lange fasziniert – ich habe intensiv nach einem für mich passenden Film dieses Genres gesucht, nachdem ich 1998 „Der Soldat James Ryan“ gesehen habe.

Der Film schilderte die Landung der Alliierten in der Normandie …


… ein gutes Drehbuch zu finden, war schwer. Aber es war auch eine Herausforderung. Man macht ja auch keine Filme, weil man sich mal wieder einen Kassenschlager wünscht.

Haben Sie ein Gefühl dafür, ob ein Film erfolgreich werden wird?

Nein, überhaupt nicht.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich der Erfolg an der Kinokasse?

Wie viel Dollar ein Film letztendlich einspielt, darüber habe ich ehrlich gesagt keinerlei Kontrolle. Ich hoffe bloß, dass die Produzenten das Geld wieder einspielen, das sie ausgegeben haben. Beim Krieg um die Besucherzahlen mache ich nicht mit. Ich bin Schauspieler!

Bei welchem Film hätten Sie auch ohne Gage mitgemacht?

Ich hatte viel Glück während meiner Karriere. Jetzt muss ich nicht länger Filme drehen, um Geld zu verdienen. Ich suche mir die Projekte aus, nach denen mir gerade ist – und andere Leute verdienen Geld mit mir.

2005 sprangen Sie in Oprah Winfreys Talkshow auf die Couch und hüpften wie wild auf den Polstern herum. Dann tauchte im Internet ein Video auf, in dem Sie über Ihre Mitgliedschaft bei Scientology redeten …

… nun, ich hätte die ganze Sache klüger hand haben können, das gebe ich zu. Ich bin ziemlich arrogant rübergekommen und habe schlecht kommuniziert. Man lernt aus seinen Fehlern und entwickelt sich weiter. Ich glaube, sich auf seine Arbeit und die Familie zu konzentrieren ist alles, was man tun kann.

Die Medien haben Ihr Verhältnis zu Scientology gnadenlos ausgeschlachtet. Können Sie die negative Berichterstattung auch ein bisschen nachvoll ziehen?


Ich sage den Medien inzwischen nur noch: „Das war’s. Besuchen Sie die Scientology-Website.“ Manchmal muss man sich im Leben auf die Dinge konzentrieren, die man auch kontrollieren kann.

Mr. Cruise, hat Ihre Familie während der Dreharbeiten zu „Operation Walküre“ gern in Berlin gelebt?


Ja, wir mochten besonders den Tiergarten. Zu meiner großen Freude fanden wir schnell heraus, dass wir sogar nachts gefahrlos durch den Park spazieren konnten.

Und wie läuft das Eheleben so?

Unser Eheleben läuft sehr gut, ausgesprochen liebevoll. Ich schätze mich glücklich, Kate als meine Frau zu haben. Sie ist eine außergewöhn liche lustige und kluge Frau, und sie mag dieselben Sachen wie ich. Sie ist sehr stark und anmutig, nicht zu vergessen urkomisch, dazu eine ganz große Komödiantin.

Katie Holmes ist 16 Jahre jünger als Sie. Betrübt Sie der Altersunterschied?

Nein. Mich betrübt gar nichts – solange sie mit mir mithalten kann, ich bin nämlich außerordentlich aktiv.

Wann wussten Sie, dass Sie Katie eines Tages heiraten würden?

Das wusste ich sofort, schon ein paar Stunden nachdem ich sie zum ersten Mal getroffen hatte. Ich dachte damals: „Diese Frau werde ich heiraten.“ Wenn du es wirklich weißt, dann weißt du es.

Ihr erstes Date fand in einem Privatjet statt. Sind Sie ein romantischer Mensch? 

Ja. Ich mache sehr gern romantische Sachen. Dann überrasche ich meine Frau mit Blumen. Ich mag auch Abende im Kerzenschein und mit netter Musik.

Sie haben in Italien geheiratet. Warum Italien?


Weil ich Italien liebe, besonders die einfache Küche auf dem Lande. Mein italienischer Lieblingssatz lautet: „Mehr Pasta, mehr Pasta, wenn es irgendwie geht mit Trüffeln.“

Vor kurzem gab es viele Bilder, die Sie und Ihre Familie in New York zeigten. Katie stand dort in „All My Sons“ von Arthur Miller am Broadway auf der Bühne und feierte große Erfolge. Wie fühlen Sie sich im Blitzlichtgewitter der Paparazzi? 

Es ist manchmal beschwerlich. Aber eigentlich passiert es selten, dass wir von Fotografen wirklich belästigt werden. Ich führe ein relativ normales Leben.

Wie machen Sie das als Superstar: Ihr Leben „normal“ führen? Haben Sie noch Kontakt zu „normalen“ Menschen?


Nun, ich versuche, mich und meine Familie nicht von anderen zu isolieren, das wäre auch gar nicht gut für die Kinder. Es ist auch sehr wichtig für uns, neue Leute kennenzulernen. Ich gehe mit in den Kindergarten wie andere Daddys auch.

Und wie reagieren die anderen Eltern, wenn sie sehen, dass Tom Cruise in den Kindergarten gekommen ist?


Zuerst schauen sie mich fassungslos an – „Mein Gott, er ist es!“ –, und dann behandeln sie mich schon irgendwie anders als andere. Aber dann erkennen die Eltern, dass ich auch nur einer von ihnen bin, also ein ganz normaler Vater, der sich um seine Kinder kümmert. Trotzdem liegt es an mir, dass sich alle mit meiner Anwesenheit anfreunden können – und schließlich machen alle einfach weiter wie vorher.

Glauben Sie, dass Sie ein guter Vater sind? 


Und ob, das bin ich. Ich würde schrecklich gerne in der Haut meiner Kinder stecken. Die machen heute nämlich all die Dinge, die ich als kleiner Junge gern getan hätte. Außerdem ist mein Vater nie richtig für mich da gewesen, das ist etwas, was ich mit meinen Kindern besser machen möchte. Ich bin für sie da, denn meine Familie bedeutet mir alles.

Sie haben zwei Kinder mit Ihrer Ex-Frau Nicole Kidman, die 16-jährige Isabella und den 13-jährigen Connor. Wie teilen Sie sich das Sorgerecht?

Das ist unsere Privatangelegenheit. Nic und ich tun alles dafür und sind erfolgreich darin, unsere Verantwortung als Eltern unter uns aufzuteilen.

Dann haben Sie ein kleines Mädchen, Suri, das in seinem zarten Alter bereits auf dem Weg zur Mode ikone ist.

Oh ja, sie ist sehr charmant, sie ist wunderschön, einfach wunderbar!

Ihr Sohn Connor tritt in dem Film „Sieben Leben“ an der Seite von Will Smith auf, der gerade in Berlin Premiere hatte. Was denken Sie darüber, dass Connor denselben Beruf ergreift wie Sie?

Er kann von mir aus das tun, was er gern tun möchte. Damit habe ich kein Problem. Es ist mir egal, ob meine Kinder ins Filmgeschäft einsteigen oder nicht, Hauptsache, sie sind glücklich. Ich unterstütze sie natürlich, so gut es geht – schließlich hat die Schauspielerei mir zu einem unfassbar tollen Leben verholfen.

Mr. Cruise, würden Sie gern Ihre Familie noch vergrößern?

Ich will zehn Kinder, ich liebe Kinder. Es ist toll, die Teenager zu haben und eine Zweieinhalbjährige – eine super Dynamik.

Genießen Sie die Macht, die Sie in Hollywood haben? 

Ich bin nicht Schauspieler geworden, um Macht zu erlangen, das interessiert mich gar nicht. Aber welche Art von Macht ich auch immer gerade haben sollte, ich benutze sie, um gute Filme zu machen. Macht ist vergänglich. Ich will das Beste daraus machen, solange ich sie noch habe.

Warum produzieren Sie Ihre eigenen Filme?


Ich genieße die Aufregung und den Adrenalinschub, die das Filmemachen mit sich bringt. Seit ich 18 war, träume ich davon, selbst Filme zu machen. Nicht unbedingt, weil ich alles kontrollieren will, sondern weil ich keine schlechten Filme machen möchte.

Paul Newman, der 2008 gestorben ist, war Ihr Filmpartner in Martin Scorseses „Die Farbe des Geldes“ von 1986. Sie wurden enge Freunde. Wie erinnern Sie sich an ihn?

Wir haben so oft wie möglich Zeit miteinander verbracht. Sein Leben wird mich für immer inspirieren. Ich habe ein wirkliches Idol verloren.

Wessen Fan waren Sie, als Sie als Teenager in Glen Ridge, New Jersey, lebten?

Ich war Fan von Paul Newman, aber auch von Dustin Hoffman, Jack Nicholson, Al Pacino und Spencer Tracy. Wissen Sie, ich ging zwar unheimlich gern ins Kino, aber als Kind wollte ich lieber Astronaut oder Pilot werden. Ich habe geglaubt, es seien immer die anderen dazu berufen, Schauspieler zu sein. Aber doch nicht ich!

Könnten Sie sich auch vorstellen, Theater zu spielen?

Ich könnte schon mal ein bisschen Theater versuchen. Da würde ich nicht Nein sagen. Ich würde zum Beispiel gerne ein Musical machen. Singen und tanzen, das wär’s.

Ist es manchmal langweilig, Tom Cruise zu sein?

Nein. Das Leben ist nie langweilig, weil ich so viele interessante Leute treffe und so viele Interessen habe, die ich verfolge. Ich liebe Motorräder und bringe gerade Connor Motorradfahren bei. Und ich liebe die Fliegerei, habe meine eigenen Flugzeuge. Schon als kleiner Junge wollte ich gern fliegen. Es ist sehr befreiend und in vieler Hinsicht wie die Schauspielerei: Man kann nie alles darüber wissen, man lernt immer noch etwas Entscheidendes dazu.

Sind Sie im Privatleben genauso sportlich wie auf der Leinwand?

Ich mag alle möglichen Sportarten: Eishockey, Football, Fallschirmspringen, Motocross, Reiten, Bergsteigen und Tauchen.

Haben Sie schon als Kind die Gefahr gesucht?

Ja. Ich mochte die Aufregung schon immer. Angst zu haben, fand ich großartig. Ich sprang von Garagen, kletterte auf Bäume und fiel herunter. Als ich vier Jahre war, sprang ich vom Garagendach – mit einem Bettlaken als Fallschirm!

Sie sind jetzt 46. Wollen Sie nicht langsam ein etwas entspannteres Leben führen?

Nein, so abgeklärt bin ich noch nicht. An dem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich jetzt befinde, fühle ich mich ausgezeichnet. Ich will versuchen, die beste Version meiner selbst zu sein. Ich mache Fehler wie jeder andere auch, aber ich versuche, sie zu vermeiden.

Was ist der letzte Gedanke, der Ihnen abends im Bett vor dem Einschlafen durch den Kopf geht?

Dass ich nicht genug getan habe, dass ich noch mehr Menschen helfen will, glücklich zu sein. Ich möchte, dass mich die Leute als jemanden in Erinnerung behalten, der das Leben ein bisschen besser gemacht hat.

Waren Sie eigentlich jemals deprimiert?

Nein. Ich konzentriere mich auf die guten Seiten des Lebens. Das macht das Leben bei der Arbeit einfacher, aber auch zu Hause.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Meine Familie. Dann kommt die Arbeit. Ich glaube, vor einigen Jahren war das noch umgekehrt.

— Aus dem Amerikanischen von Esther Kogelboom.

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