Tony Haywards neuer Job : Von Leck zu Leck

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Mit Ölkatastrophen kennt sich Tony Hayward aus. Der bisherige Chef des britischen Ölkonzerns BP wird im Herbst einen Posten antreten, bei dem ihm diese Erfahrungen helfen werden: Er wird Chef des britisch-russischen Joint Ventures TNK-BP. BP hält 50 Prozent, die anderen 50 Prozent gehören dem russischen Oligarchen-Konsortium Alfa-Access-Renova. Hayward übernimmt übrigens den Job, den bis 2009 sein Nachfolger an der BP-Konzernspitze, Robert Dudley, innehatte. TNK-BP hat bei der Gründung 2003 auch eine alte Ölkatastrophe mitübernommen: das Ölfeld Samotlor, wo seit 40 Jahren Öl gefördert wird.

Die Weltbank bezeichnete die Ölförderregion in Westsibirien Ende der 90er Jahre als „ökologische Katastrophenzone“. Greenpeace hat vor zehn Jahren dokumentiert, wie es in der Region um Nishnewartowsk damals ausgesehen hat. Rund 5000 Mal im Jahr gab es Lecks in Ölpipelines. Ganze Landschaften versanken in Ölseen. Eine Fläche, in die das Saarland drei Mal passt, war so ölverseucht, dass die Böden nicht mehr nutzbar waren. Björn Jettka, Sprecher von Greenpeace Deutschland, sagt: „Bis heute hat sich die Lage nicht wesentlich verbessert.“

Im Nachhaltigkeitsbericht von TNK-BP liest sich das naturgemäß anders. Dort wird hervorgehoben, dass zwischen 2005 und 2009 immerhin 2500 Hektar saniert worden seien. Allerdings dürfte es sich noch ein paar Jahrhunderte hinziehen, bis die 840 000 Hektar saniert sind, wenn es bei diesem Tempo bleibt. Grund für die großflächige Ölverseuchung sind undichte, verrottende Pipelines. TNK- BP verfügt über etwa 25 000 Kilometer davon. Zwischen 2004 und 2009 sind 3545 Kilometer ersetzt worden, weitere rund 11 107 sind zumindest besser gegen die Korrosion geschützt worden. Die Zahl der Lecks sei von 2008 bis 2009 um sechs Prozent gesunken, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht. In diesem Jahr sollen weitere 400 Kilometer Transportröhren ersetzt werden. Im vergangenen Jahr hat der Konzern für den Austausch der Pipelines rund 250 Millionen US-Dollar ausgegeben, bei einem Umsatz von 17,2 Milliarden und einem Gewinn von rund 6,3 Milliarden Dollar.

Tatsächlich ist die Ölpest in Westsibirien nicht Haywards einziges Problem bei seinem neuen Arbeitgeber. 2008 haben BP und die russischen Milliardäre Michail Fridman, German Chan, Wiktor Wekselberg und Leonid Blawatnik dermaßen um die Macht im Joint Venture gestritten, dass Dudley gehen musste. Seit 2009 sitzt Gerhard Schröder als unabhängiger Direktor im Aufsichtsrat des Konzerns. Dort ist er nicht nur der Vermittler zwischen den verfeindeten Blöcken, er gehört auch zu der Arbeitsgruppe, die TNK-BP in Fragen der Gesundheit, der Sicherheit und bei den Umweltfolgen berät. Sollte Tony Hayward auch auf dem Land in Russland in schwere See geraten, kann er dem früheren deutschen Bundeskanzler SOS funken. Dagmar Dehmer

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