Zeitung Heute : Tore, Tricks und Temperament

PARIS (dpa).Tore, Tricks und Temperament machten Appetit auf mehr - doch ein müder Kick am späten Donnerstag-Abend hat die Freude am Auftakt-Menü wieder ein wenig getrübt.Der Langweiler Kamerun - Österreich relativierte den guten Eindruck, den die ersten zwei Fußball-Tage der Weltmeisterschaft in Frankreich bis dahin geboten hatten.Den oft beschworenen "Champagner-Fußball" brachte die "Mondial" noch nicht; dennoch widerlegte der WM-Start jene prominenten Experten, die fade, von Taktik geprägte Vorrundenspiele ohne Überraschungen prophezeit hatten."Für mich ist wichtig, daß die Weltmeisterschaft mit Toren begonnen hat", urteilte Brasiliens Sportminister und Idol Pélé, "das ist gut für eine WM."

Europa, das mit 15 Teams das größte Kontingent der 32 Mannschaften stellt, schaffte in den ersten vier Spielen keinen einzigen Sieg.Dafür sorgten vermeintliche Außenseiter für Furore und eine überaus stattliche Tor-Bilanz.Mit 13 Treffern hat "France 98" die Weltmeisterschaft 1994 in den USA, wo es in den ersten vier Spielen nur acht Tore gab, übertrumpft.Auch schneller, abwechslungsreicher und technisch teilweise viel besser als vor vier Jahren waren die ersten Partien.

Sie setzten damit die negative Tradition von Eröffnungsspielen in großen Turnieren nicht fort und straften den argentinischen Trainer der Weltmeistermannschaft seines Heimatlandes von 1978, Cesar Luis Menotti, Lügen, der vorausgesagt hatte: "Ich habe große Angst, daß die Weltmeisterschaft in Frankreich stinklangweilig wird." Der frühere Bayern-Profi Sören Lerby, als TV-Experte im Einsatz, sieht den Grund für die unerwartet flotten Spiele in Frankreich in erster Linie darin, "daß alle Spieler sehr gut vorbereitet sind".Andere argumentieren, durch die verschärfte Regelauslegung - die gefürchteten Grätschen von hinten werden nun sofort und unnachgiebig mit der Roten Karte bestraft - seien die Stürmer mehr in der Lage, kreativ zu sein.

Auffällige Fußball-Gestalten ließen die Zuschauer mitleiden, mitzittern und mitjubeln.Unglücksraben - die Eigentorschützen Tom Boyd aus Schottland und Youssef Chippo aus Marokko oder Marokkos als "Fliegenfänger" zu zweifelhaftem Ruhm gekommener Torwart Driss Benzekri - gaben unfreiwillig die traurigen Figuren der WM-Dramaturgie.

"El Matador" Marcelo Salas tat sich als erster großer Held hervor, als er Chile als zweifacher Torschütze zu einem glanzvollen WM-Comeback nach 16jähriger Abstinenz verhalf.Der Brasilianer Cesar Sampaio schrieb als schnellster Torschütze der Eröffnungsspiel-Historie Geschichte.Der Marokkaner El Hadji glänzte, der Italiener Roberto Baggio besiegte sein Elfmetertrauma von 1994."Ich hatte das Gefühl, als hätte ich drei Spiele durchlebt, so viel ist passiert", beschrieb Italiens nur halbwegs zufriedener Trainer Cesare Maldini seine Emotionen nach dem glücklichen 2:2 des Vizeweltmeisters gegen Chile.Die erste Donnerstag-Partie lebte vor allem von ihrer Dramatik.Der "Ausreißer" im Vergleich zu den Mittwoch-Spielen Brasilien - Schottland (2:1) und Marokko - Norwegen (2:2) war das sehr schwache Duell zwischen Kamerun und Österreich (1:1) am Donnerstag abend.

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