Zeitung Heute : Tortenschlacht

Der Tagesspiegel

Restaurant Hackescher Hof, Rosenthaler Str. 40-41, Mitte. Telefon 2 83 52 93. Mo. bis Fr. , 7 bis 1 Uhr nachts, Sa./So. ab 9 Uhr – open end.

Es kommt der Tag, an dem auch der Eingeborene in die Hackeschen Höfe muss. Sei es, dass Besucher ihn dorthin treiben oder dass ein Film ihn ins Kino lockt. Und so landet denn der Eingeborene unter Touristen – und siehe da, es ist gar nicht so schlimm.

Am hellichten Montagnachmittag ist jeder Tisch besetzt – und es gibt viele Tische im „Hackeschen Hof“. An ihnen werden Postkarten geschrieben und Reiseführer studiert, auf ihnen versuchen zwei Damen einen turmhoch gefüllten Bagel, offensichtlich der erste ihres Lebens, mit Messer und Gabel zu verspeisen, und unter ihnen – unter den Tischen – liegen die Füße, die müden, die Sightseeing-Erholungsbedürftigen. Kein Zweifel, der Berliner ist hier und heute, am Montagnachmittag, eindeutig in der Minderheit. Dass er sich trotzdem wohl fühlt, liegt an der Atmosphäre und am Kuchen – und dass beides zusammen stimmt, ist eine wahrhaft rare Kombination. Der Saal ist luftig und hell, die Glühbirnenbeleuchtung so simpel wie raffiniert, und durch die hohen Fensterscheiben hat man immer was zu gucken. Das Parkett, die grüne Wandverkleidung, die braunen Stühle und schwarzen Tische, in denen man sich spiegeln kann, geben dem Raum etwas behaglich Kaffeehausmäßiges. Und die einzige Hintergrundmusik – welche Wohltat! – ist das Zischen des Milchschäumers und der Espressomaschine, unter das sich das Klappern der Kaffeetassen und das Rattern der Straßenbahn mischt.

Der „schwäbische Kirschkuchen“ ist zwar kein echter schwäbischer Kirschkuchen, sondern ein Käsekuchen mit ein paar Kirschen drauf, aber dafür ist er so zart, so luftig-leicht, der schmilzt auf der Zunge dahin. Und am Käsekuchen – der aus der eigenen Küche kommt – kann man den Meister erkennen, nur der kommt nämlich ohne Hilfsmittel und damit chemischem Beigeschmack aus. Nur eine Unsitte hat sich auch im Hackeschen Hof breit gemacht: der Sahne fehlt der Zucker. Das mag zwar gesünder sein, aber die Sahne braucht nun mal den Zucker wie ein weichgekochtes Ei das Salz: um den vollen Geschmack zu entfalten. Aber okay, den Zucker streuen wir notfalls auch oben drauf, wenn das Untendrunter stimmt. Und so hält die Freude bis zum Ende an: Die Preise sind nämlich – untouristisch und unberlinerisch – durchaus zivil. Susanne Kippenberger

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