Zeitung Heute : Tourismus: Damit Urlaubsträume wahr werden

Regina Köthe

"Früher war der einfache Weg ins Reisebüro zu gehen und drei Kataloge mitzunehmen. Durch das Internet entsteht der Eindruck, man hätte alle Kataloge Zuhause. Das macht die Auswahl aber immer schwieriger." Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa ist deshalb der Überzeugung, dass die Beratung ein wichtiger Faktor im Tourismusgeschäft bleibt. "Die Informationen müssen vorsortiert werden, sonst findet man sich in dem Dschungel der Reiseangebote nicht zurecht," erläutert Lohmann.

Kontext:
Die Tagesspiegel-Beilage zur ITB

Der Trend ist unübersehbar: Immer mehr Reisende nutzen das Internet als Informationsquelle und Buchungsagentur. Zwar ist die Zahl der Buchungen noch relativ gering - bisher werden nach Schätzungen zwei Prozent online abgewickelt -, aber als Informationsportal nimmt das Internet an Bedeutung zu. Die großen Konzerne wie TUI, C&N und REWE betreiben nicht nur Reisebüros, Agenturen an den Urlaubsorten und Hotelbetten, sondern sie wollen beim Online-Geschäft mitmischen und bauen große Webauftritte auf. Doch auch die kleinen Unternehmen und regionalen Anbieter müssen sich auf das Internetzeitalter vorbereiten. Deshalb führt das Berliner Zukunftsstudieninstitut IZT derzeit eine anwendungsorientierte Studie durch: 170 touristische Webauftritte aus der gesamten EU wurden analysiert und nach der Benchmarking-Methode bewertet. "Lernen von den Besten", lautet das Motto - und auf der Internationalen Tourismus-Börse vom 3. bis 7. März werden die Ergebnisse der Studie präsentiert.

Reisen verkaufen: Das ist - und bleibt - eine Melange aus Information, Beratung und Buchung. Die Komponenten Information und Buchung lassen sich gut ins Internet übertragen. Dazu reicht eine möglichst ausgereifte Buchungssoftware sowie Informationen über Reisewege, Länder, Wetter und Kulturevents. Und wer arbeitet für die Online-Reiseveranstalter?

Das Unternehmen Travel24 hat 280 Mitarbeiter, die Belegschaft setzt sich aus Reisefachverkäufern und Fachkräften des mittleren Managements zusammen. Im Marketing arbeitet zum Beispiel Mike Bödiker. Er betreut gerade eine Kooperation mit der Dino AG. Um neue Zielgruppen zu erreichen, geht man Kooperationen mit anderen Unternehmen ein und platziert die Reiseangebote auf unterschiedlichen Sites. Auf den Websites von Girlsplanet.de und 310K.com sollen in Zukunft Reisen für Kids angeboten werden: Schrille Fahrten zur Love-Parade oder mit Lichtgeschwindigkeit zum Snow-Board-Event. Wieso hat er diese Zielgruppe gewählt? "Die 16jährigen Kids verfügen über relativ viel Geld, das Internet ist ihnen vertraut und sie sind offen für Neues. Last not least sind die Jugendlichen die potenziellen Kunden der nächsten Jahre."

Mike Bödiker ist ausgebildeter Simultandolmetscher und Touristikfachwirt. Seine Kollegen, die wie er im mittleren Management arbeiten, besitzen meist einen Fachhochschulabschluss. Zusätzlich haben sie sich intensiv mit dem Internet beschäftigt. "Man braucht eine hohe Internetaffinität für die Projekte, die ich betreue. Das heißt aber nicht, dass ich etwas von Programmierung verstehe. Dafür gibt es Techniker", sagt Mike Bödiker. Obwohl das Gehaltsniveau im Verhältnis zu anderen Branchen für Akademiker im Tourismus relativ niedrig ist, ist er mit seiner Arbeit zufrieden. "Im Tourismus hat man die Chance, bereits in jungen Jahren hohe Verantwortung und viele Umsetzungsmöglichkeiten zu bekommen. Allerdings muss man sein Handwerk verstehen."

So wie sein Kollege Florian Bart. Der 34-Jährige hat nach dem Abitur eine Lehre zum Reisekaufmann gemacht und sieben Jahre als Verkaufsleiter gearbeitet. Er ist im Sales-Bereich für Gruppen-, Kongress- und Tagungsreisen verantwortlich. Die Ansprüche an Mitarbeiter im Tourismus sind nach seiner Meinung gestiegen. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse werden immer wichtiger. "Der Tourismus ist zwar eine Wachstumsbranche, aber mit geringen Margen. Deshalb muss man gut kalkulieren können."

Das Tourismusgeschäft trägt acht Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist damit in Deutschland zweitgrößter Dienstleistungssektor nach dem Handel. Doch der Anteil an Akademikern im Tourismus beträgt nach Schätzungen des Deutschen Tourismusverbands nur fünf Prozent. In den meisten anderen Branchen liegt er deutlich höher. Dennoch sind Tourismusstudiengänge beliebt: An der Fachhochschule München bewerben sich circa 2500 Kandidaten um 230 Studienplätze und an anderen Universitäten sieht es ähnlich aus. Doch Vorsicht: Im Touristikgeschäft zählt vor allem die praktische Erfahrung. Gebraucht werden Mitarbeiter, die betriebswirtschaftlich denken, mindestens zwei Sprachen beherrschen und mit IT sicher umgehen können. E-Commerce und Internet sind nach Meinung von Mike Bödiker und Florian Bart für den Tourismus zukunftsweisende Bereiche.

Das herkömmliche Reisebüro bekommt die Konkurrenz des virtuellen Reisebüros bereits zu spüren. Im Bereich Geschäftsreisen und Hotelreservierung versucht die eHotel AG mit ihren beiden Marken bedhunter.com und ehotel.de den Markt der Zukunft zu erobern. Mit WAP-fähigem Handy oder per Internet kann man kurzfristig weltweit Hotelzimmer buchen. Wenn es schnell geht und die Formulare und Preisauskünfte nicht zu verwirrend sind, bucht man gerne per Internet eine Bahnkarte oder ein Flugticket. Bei größeren Reisen will der Kunde jedoch persönlich beraten werden. Deshalb bieten auch Reiseportale im Internet zunehmend telefonische Beratung an. Den Job machen Reisefachverkäufer, die nicht mehr in einem Reisebüro sitzen, sondern als Teleworker von Zuhause arbeiten.

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