Zeitung Heute : Tourismus-Schäden: Schatten über dem Mittelmeer

Hella Kaiser

Für Urlauber ist die griechische Insel Zakynthos noch immer zauberhaft. Für Meeresschildkröten sieht die Sache anders aus. Immer dichter rückten die Touristen an die Brutgebiete der sensiblen Tiere heran und haben sie inzwischen fast vollständig zerstört. Auch die Mönchsrobben, die etwa an vormals entlegenen Strandabschnitten von Spanien, Korsika oder Sardinien ungestört ihre Jungen aufziehen konnten, sind die Verlierer der Tourismusregionen. Mehr als 500 Tier- und Pflanzenarten im Mittelmeerraum, so warnt der WWF (World Wide Fund For Nature) in einer jetzt vorgelegten Studie, sind vom Aussterben bedroht.

220 Millionen Menschen verbringen derzeit jährlich ihre Ferien in den Ländern rund ums Mittelmeer. Immer neue Hotels entstehen, immer entlegenere Gebiete werden zersiedelt, immer mehr Natur wird geopfert. Drei Viertel der Sanddünen entlang der spanischen Küste sind verschwunden, fast die Hälfte der italienischen Küste wurde lückenlos verbaut. Zehn Milliarden Tonnen Müll gelangen jährlich ins Mittelmeer, das Trinkwasser wird knapp. Während der spanische Stadtbewohner durchschnittlich 250 Liter Wasser pro Tag verbraucht, nutzt ein Hoteltourist rund 440 Liter. Bucht er ein Luxusresort mit Pool und Golfplatz, steigt der Wasserbrauch auf bis zu 800 Liter.

Was wird von der Naturlandschaft rund ums Mittelmeer noch übrig bleiben, wenn die Entwicklung ungebremst weiter geht? Prognosen zufolge werden im Jahre 2020 knapp 350 Millionen Menschen einen Urlaub in dieser Region buchen, also über die Hälfte mehr als derzeit. Georg Schwede, Geschäftsführer des WWF Deutschland, rechnet vor allem in der Türkei, Kroatien, Marokko, Tunesien und Griechenland mit überproportional steigenden Touristenzahlen. Umso mehr gelte es für diese Regionen, jene Fehler zu vermeiden, die etwa an der Nordküste Italiens oder auf den Balearen gemacht wurden. So müssten über ökologisch besonders wertvolle Gebiete Baustopps verhängt und die touristische Infrastruktur streng nach naturverträglichen Gesichtspunkten aufgebaut werden.

Dass Urlauber sich nicht dort wohlfühlen, wo auch noch der letzte freie Quadratkilometer zugebaut ist, zeigt die Entwicklung auf Mallorca. Dort, so prognostiziert die WWF-Studie, werden die Touristenzahlen in den kommenden Jahren weiter abnehmen. Auch die nördliche Adriaküste wird dann vermutlich weniger Gäste haben. Der geschundenen Natur hilft das nicht mehr. Umso vordringlicher sei es, so der WWF, in den heute noch weniger überlaufenen Regionen eine umweltverträgliche Tourismusentwicklung zu fördern.

"Die Tourismusindustrie muss lernen, die Naturparadiese, von denen sie letztlich abhängt, besser zu schützen", verlangt der WWF. Die Reisebranche, so heißt es optimistisch, habe die Problematik immerhin schon erkannt und denke über geeignete Schritte nach. Viel Zeit zum Handeln bleibt nicht mehr, wenn das Mittelmeer nicht zur Müllkippe verkommen soll.

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