Zeitung Heute : Toy Story

CHRISTIAN SCHRÖDER

Letzte Ausfahrt Griebnitzsee: ein Computerspiel aus Potsdam peilt den Weltmarkt anVON CHRISTIAN SCHRÖDER

Der Wagen ist vollgetankt, der Himmel blau und die Sicht klar, zwischen Start und Ziel liegen nur ein paar mickrige Kilometer.Aber die haben es in sich.Lavageröll schiebt sich auf die Piste, weiter oben glitzert Alpeneis, und überall klaffen Abgründe, in die man auf Nimmerwiedersehen hineinplumpsen kann.Und dann erst das Feld der Konkurrenten.Bis an die Zähne bewaffnete Wrestling-Gestalten in eisengepanzerten Kamikaze-Fahrzeugen.Schon verkündet der Stadionsprecher unseren Namen, rasselnd begeben sich die Kamikaze-Boliden in die Positionen, der Countdown beginnt.Ogottogottogott.

Keine Panik.Wir sitzen nicht wirklich in einem Kampfwagen zwischen lauter Totmachern, sondern bloß gemütlich auf einem Stuhl in einer Potsdamer Villa.Auf dem Monitor vor uns rollt das Actionspiel "The Race" ab, und wir müssen uns anstrengen, um wenigstens Runde 1 zu überstehen.Martialische Computergames gibt es die Menge, aber aus zwei Gründen ist dies ein besonderes.Zum einen sind bei "The Race" die 3-D-Effekte weiter entwickelt als bei den weitaus meisten Produkten dieser Art; zum anderen ist es das erste in Deutschland entstandene Computerspiel, das über den Vertrieb des US-Medien-Giganten Time Warner weltweit vermarktet werden wird.Am 14.April wird die Qualitäts-Software made in Brandenburg auf der ECTS in London, Europas größter Computer-Entertainment-Messe, der Branche präsentiert.Für die nächsten zwei Jahre - so lange läuft der Kooperationsvertrag mit Time Warner - peilt die Herstellerfirma Terratools Verkaufszahlen oberhalb der Millionengrenze an.Rund 80 bis 100 Mark wird der Endverbraucher für eine Kopie des Spiels hinblättern müssen.

Ganz hochherrschaftlich residiert Terratools in einer weitläufigen Villa, die Mies van der Rohe 1915/16 an den Griebnitzsee gesetzt hat.Auf knarzendem Edelholzparkett hocken fünf junge Männer, allesamt jünger als 25 und lässig in Jeans und Sweatshirts gekleidet, an ihren Bildschirmen und tun, was sie tun müssen: sie hacken.Manche Figuren müssen bis zur Präsentation noch ausgefeilt werden, und auch die Spieldramaturgie wird aufgemöbelt."Die Amerikaner wollten, daß wir das Spiel verschärfen", sagt Gamedesign-Projektleiter Thomas Langhanki (23), "international kann man nur mit Action Geld machen".

Stolz sind die Computerbastler darauf, daß bei aller Gewalt in ihrem Spiel kein Blut fließt, die Figuren also immer als Trickwesen zu erkennen bleiben.Und darauf, daß es ihnen gelungen ist, die Rennwagen von "The Race" aus 303 Polygonalen zusammenzusetzen, eine Bestmarke.Fast alle aus dem Team stammen übrigens aus dem Osten.Computerspielsüchtig wurden sie noch zu DDR-Zeiten, meistens an von der Westverwandtschaft rübergebrachten PCs.Wozu sonst hatte man schließlich eine Oma in Charlottenburg oder Zehlendorf?

Eine solche Oma brauchte Ulrich Weinberg nicht.Vor 37 Jahren im Rheinischen geboren, fand der Gründer, Geschäftsführer und alleinige Gesellschafter von Terratools Computer trotzdem lange blöd.An den Akademien in München und Berlin hat er ab 1980 Malerei studiert, sein letztes Bild malte er freilich im Orwell-Jahr 1984.Ein Job als Fernsehgraphiker beim Bayrischen Rundfunk, anfangs nur zur Finanzierung des Studiums gedacht, machte aus dem Computerfeind einen Computerfreund."Wir haben wild herumexperimentiert", erinnert er sich, "für eine Weihnachtssendung haben wir einfach elektronische Pünktchen verkehrt herum als Rolltitel über den Monitor gejagt, um Schnee hinzukriegen".

Nach Berlin wechselte Weinberg 1984 wegen eines Computers.Der SFB hatte für seine Graphikabteilung als erste Institution in Deutschland eine Paintbox angeschafft, ein schrankgroßes Gerät, mit dem sich analoge und digitale Bilder mischen ließen."Heute kriegt man für ein paar hundert Mark bessere Software, damals kostete das Teil seine Million".Als er als Assistent beim Berliner Multimediapioniers Rolf Herken in dessen Firma "Mental Images" einstieg, blieb das Fernsehen Weinbergs Hauptarbeitsfeld.Der computeranimierte "Sportschau"-Vorspann mit Dieter Bohlen Ta-ta-tah-ta-ta-tah-tüt-Syntheziser-Fanfare ist ein Werk jener Tage, das bis heute durchs ARD-Programm orgelt.

Auch "Terratools", Weinbergs 1993 gegründetes Unternehmen mit derzeit etwa 25 festen Mitarbeitern, bastelt an neuen Erscheinungsbildern für TV-Kanäle, ist aber auch in andere multimediale Tiefen vorgestoßen.Neben dem dreidimensionalen Computerspielbereich bilden die Entwicklung virtueller (Fernseh-)Studios und die Simulation von Arbeitsumfeldern die Schwerpunkte der Arbeit.Das Konzept eines virtuellen Bühnenbildes für die "Carmina Burana" an der Deutschen Oper Berlin wurde nicht realisiert, weil Intendant Götz Friedrich den Zuschauern das Tragen von Polarisationsbrillen nicht zumuten wollte.Für Time Warner ist bereits ein weiteres Game in der Mache, das "Chaosfear" heißen soll und vom Überleben in einer postapokalyptischen Zukunft handelt.

Bei aller Liebe zu den Computern hat Weinberg, nebenbei Professor für Computeranimation an der Filmhochschule Babelsberg, nicht vergessen, daß sie doch bloß "Tools" sind, Werkzeuge."Jeder trägt eine Uhr am Handgelenk, doch kaum einer weiß, wie sie funktioniert", so Weinbergs Unternehmens-Philosophie, "das ist genau so beim Computer: man muß ihn nicht verstehen, aber beherrschen".Der Satz gilt, auch wenn man manchmal vorm Monitor völlig das Gefühl für Zeit und Raum verlieren kann.Bei einem Spiel zum Beispiel.

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