Zeitung Heute : Tradition und Avantgarde

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Krzysztof Penderecki dirigiert eigene Werke im SchauspielhausGREGOR SCHMITZ-STEVENSWarum das Publikum seine Musik so gerne höre? Krzystof Penderecki weiß es nicht.Im Gespräch wendet sich der polnische Komponist, der in der Schweiz lebt, gegen den Vorwurf der Anbiederung.Er wollte, nach seinen avantgardistischen Erfolgen zu Beginn der sechziger Jahre, nicht sein eigener Epigone werden und begab sich auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen, "und Musik muß einfach Ausdruck haben", sagt Penderecki.Diese Suche führte ihn zunächst zurück, zur Klangsprache der Spätromantik.Ein Beispiel für diese "Affäre" mit der Vergangenheit, wie Penderecki diese Periode seines Schaffens nennt, ist das 1980 vollendete "Te Deum".Nun, an seinem 64.Geburtstag, stand Penderecki am Pult und leitete im Schauspielhaus den Rundfunkchor Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester bei einer Aufführung dieses Werkes. Der Musikschriftsteller Ulrich Dibelius spottete einst über das "Te Deum" als "Religiositätsdemonstration in der Art eines kitschig bunten Superposters aus der musikalischen Devotionalienhandlung".Ganz so plakativ wirkte das Werk für Chor, Soli und Orchester hier allerdings nicht.Oft glaubt man, eher einen Klagegesang als ein Gotteslob zu hören; "Miserere nostri" steht im Vordergrund, weniger "Te Deum laudamus".Zentrum des Werkes ist ein altes polnisches Kirchenlied: "Gott, segne unser Vaterland".A capella, leise, süßlich harmonisiert und vom Solo-Sopran kommentiert ("Rette Dein Volk, Herr!"), wird das einst verbotene Lied zur politischen Demonstration, geschützt durch Kirche und Konzertsaal. Auch Pendereckis 5.Sinfonie von 1992, erstmals in Berlin zu hören, bezieht sich auf ein einst verbotenes Lied - auf ein koreanisches, das für den Freiheitswillen der Bevölkerung während der japanischen Okkupation steht.Es wird zum Thema einer Passacaglia, am fulminanten Ende choralartig gesteigert, fast nach Bruckner-Art.Doch darüber hinaus ist die Sinfonie ein faszinierendes Stück absoluter Musik - und als solche möchte Penderecki seine Musik am liebsten verstanden wissen.Mit wenig Material wird ein großes sinfonisches Panorama entfaltet, das sich virtuos traditioneller wie avantgardistischer Satztechniken bedient.Zumal in der sehr konzentrierten Interpretation durch das RSB bannte die Sinfonie das Publikum.Daß die Aufführung auch den Musikern Freude gemacht hat, zeigte der herzliche Applaus, den das Orchester seinem Komponisten und Dirigenten am Ende spendete.Sinfonie, auf eine Synthese von Tradition und Avantgarde hinauslaufen könnte.Voraussichtlich in zwei Jahren wird Penderecki an das Pult des RSB zurückkehren. 

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