Zeitung Heute : Traditionen der Berlinale

HELLMUTH KARASEK

Das Festival hat sich als wandelbar erwiesen, eine Qualität, die auch in Zukunft erhalten bleiben sollte VON HELLMUTH KARASEK

Die ersten Berliner Filmfestspiele, die am 6.Juni 1951 im Titania-Palast eröffnet wurden, waren ein "Trotzdem!"-Ereignis, und sind gerade deshalb, nur sechs Jahre nach dem unvorstellbar schlimmsten Krieg, so froh, so herzlich, so voller Zustimmung gefeiert werden.Man jubelte den Stars zu, eilte ihnen zum Flughafen Tempelhof entgegen, warf Rosen und Krawatten aus den Fenstern; Berlin stand Kopf.Das Trotzdem galt der Situation: Berlin war keine Film-Metropole mehr, überhaupt keine Metropole, man war eine "Insel", und wenn man den westlichen Glamour in die Stadt holte, dann, um sich Zugehörigkeit zu gewinnen und um sich aus der östlichen (propagandistischen) Umklammerung zu lösen. Seither hat es viele Schwankungen gegeben: Aus dem glamourösen Durchhalte-Festival wurde ein fleißiges, Filmhistorie aufbereitendes Arbeitsfestival; Drehscheibe zwischen Ost und West wollte man sein, was angesichts der Mauer tollkühn war und mit Verrenkungen und Nasenstübern bezahlt wurde.Die Berlinale, die von Anfang an den Star-Glanz Hollywoods, Italien und Frankreichs aufbot, den sie die deutschen Sterne des 50er Jahre-Kinos (später als "Opas Kino" geschmäht) zugesellte, unterwarf sich dem Wandel der Zeiten - sie mußte auf Oberhausen reagieren und schlidderte in den Sechzigern in die Krise.Sie legte sich ein Forum zu, verlieh Preise unter politischen Gesichtspunkten, vergraulte den Glamour, suchte das Kino einer puristischen Wahrheit und gesellschaftlichen Relevanz. 1964 wurde nach einem politischen Gerangel um das Festival sogar erwogen, die Berlinale nach München zu verlegen - als Münchiade sozusagen.Und an dem Vorschlag knüpfte sich die Idee, das Festival wandern zu lassen, mal nach Baden-Baden oder Düsseldorf.1970 kam es gar zum Rücktritt der Jury, der Festivalleiter bot seine Demission an, und der Wettbewerb wurde abgebrochen.Das war die Folge der völligen Politisierung des Kinos: auf dem Wettbewerb lief nur - damals - politisch korrekter Schrott.Seit 1978 wurde dem Festival gar der Sonne-Monat Mai genommen, es wurde, aus Konkurrenz-Gründen zu Cannes, in den Schmuddelmonat Februar verlegt - da liegt es nun und versucht, sein Publikum nur noch von Innen zu erwärmen. Bei allen Wandlungen ist die Berlinale, neben Cannes und Venedig, immer eines geblieben: eines der drei großen A-Festivals Europas.Und da Europa immer noch Umschlagplatz des internationalen Films ist, behauptet sich die Berlinale als eines der drei wichtigsten Festivals der Welt.Daran braucht sich Berlin, seit die Mauer weg ist, längst nicht mehr hochzuziehen, aber schmücken soll es sich weiter damit.Und da trifft es sich gut, daß die deutsche Filmindustrie so etwas wie einen Boom zu verzeichnen hat - inmitten grauer Wirtschaftstristesse; vielleicht sogar wegen ihr? Und es fügt sich auch gut, daß das internationale Kino in diesem Jahr mit einer Reihe wichtiger, ja großer Filme aufwarten kann, daß das Publikum wieder Stars liebt und sogar die Kritik sie anzunehmen bereit ist.Zur Berlinale kommen einige Oscar-verdächtige Meisterwerke, und so kann es, neben der Arbeit zu Vergnügen kommen.Die Chancen sind da, der Wille ist da - und brauchen können es alle auch. Es wird allerdings auch Zeit, an die Zukunft zu denken.Daran, ob das Festival nicht auch seine Spielorte dort finden soll, wo Berlins Mitte im Entstehen ist.Soll beispielsweise der Potsdamer Platz nicht nur zum kulturlosen Geschäftszentrum veröden, wird man ihn als zweites Zentrum neben der Gedächtniskirche einbeziehen müssen.Solide Traditionen vertragen Änderungen.Und eine entscheidende Tradition der Berlinale ist die belastbare Wandlungsfähigkeit.

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