Zeitung Heute : Tränen, Tee und blaue Flecken

Prozessauftakt gegen die Besetzer der irakischen Botschaft in Berlin

Katja Füchsel

Ein stattlicher Herr, dieser Mithal al Alusi. Winkend lässt sich der Exil-Iraker hinter dem Panzerglas nieder, mit graumeliertem Haar, Schnurrbart und Brille. „Onkel“ nennen ihn die fünf anderen Angeklagten, nicht, weil sie mit ihm verwandt wären, sondern weil sie zu dem Mann im schwarzen Anzug, Schlips und Kragen aufschauen. Sie selbst tragen Pullover. Sie sind jünger. Und sprechen nur arabisch. Allein Alusi staucht seinen Ex-Verteidiger im Saal zusammen, der 52-Jährige flucht und schlägt mit der Hand auf den Tisch: „Sie haben gesagt, ich komme frei! Lügner!“

Alusi, der als Beruf Kaufmann angibt und in Hamburg ein Geschäft namens „Orient Moden“ führt, hat sie mitgegründet: die Demokratische Irakische Opposition Deutschlands (DIOD). Er gilt als Chef der Truppe, die am 20.August vergangenen Jahres die irakische Botschaft stürmte. Mit Äxten und Gaspistolen bewaffnet. In den Rucksäcken Proviant, Klebeband und Transparente: „Tod Saddam“, stand darauf. 24 Stunden wollten sie die Botschaft im Zehlendorfer Villenviertel besetzt halten, ins Licht der Weltöffentlichkeit rücken und so die „Befreiung Bagdads“ einleiten, den Sturz Saddams. Berlin sollte der Auftakt der Revolte sein.

Der Alltag sieht im Moabiter Kriminalgericht anders aus. Bei den üblichen Verhandlungen gegen Zuhälter und Drogendealer sind Kugelschreiber wohl gelitten, doch heute, wo es im Saal 700 um Politik geht, um Terrorismus und Tyrannen, zieht der Wachtmeister jeden Füller und Kuli ein. Ebenso den bunten Seidenschal. Und die Zeitung in der Hand. „Hören Sie lieber zu“, rät eine Kontrolleurin an der Sicherheitsschleuse. Tastet, sondiert, sucht; jede einzelne Socke der Zuschauer wird überprüft.

Der Krieg im Irak gibt dem Prozess seine besondere Brisanz. Und den Exil-Irakern gewissermaßen Beistand von internationaler Seite. Schließlich, argumentiert Alusi, hätten die Männer doch nur das begonnen, was derzeit auch George W. Bush versucht: den Diktator Saddam Hussein zu stürzen. Auch der erste Verteidiger zieht diesen Trumpf, kaum dass die Anklage verlesen ist: „Wenn Tyrannenmord gerechtfertigt ist, ist auch das unbefugte Betreten des Tyrannenhauses gerechtfertigt“, sagt Anwalt Klaus Hüser. Weil der Prozess angesichts des Irak-Kriegs zu einem „grotesken Szenario“ gerate, fordern Hüser und seine Kollegen sicherheitshalber schon vor der ersten Zeugenvernehmung: Freispruch, Einstellung des Verfahrens.

Alusi wirkt jetzt wieder ruhig, zuweilen sucht er im Publikum nach bekannten Gesichtern. Er ist über 20 Jahre in Deutschland. Er hat sein Leben dem Kampf gegen Saddam gewidmet, betreut seit Jahren Flüchtlinge aus Bagdad. Den sechs Männern auf der Anklagebank drohen lange Gefängnisstrafen, aber sie fühlen sich alle nicht als Verbrecher, die Biografien ähneln sich: Fast alle sind zwischen 30 und 40, verheiratete Familienväter ohne Vorstrafen, seit März 2002 in Deutschland. „Sehr ehrenwerte Leute“, sagt einer der Verteidiger. Einer der Angeklagten ist Mathematiker, Enkel eines hingerichteten Luftwaffengenerals. Ein anderer soll einer prominenten Politikerfamilie entstammen und hat nach eigenen Angaben bereits acht Familienmitglieder verloren.

Aber wie es eben mit ehrenwerten Menschen so ist: Sie eignen sich nicht immer zum Verbrechen, und was Alusi während seiner Haft über die Botschaftsbesetzung erzählt hat, klingt schon beinahe komisch. Um halb drei setzt er die fünf ab, anschließend klingelt in seinem Auto unentwegt das Telefon. „Die schießen“, ruft einer seiner Mannen ins Telefon, sie hätten wirklich „ein Problem“. Wenig später noch „ein Problem“: Der Erste Sekretär in der Botschaft beginne zu weinen. Da ordnet der „Onkel“ an, die Geiseln „wie Brüder“ zu behandeln, ihnen Tee und Kaffee zu servieren. Um 19 Uhr 45 stürmt das SEK die Villa. Die Geiseln kommen mit Schürfwunden, blauen Flecken und vom Tränengas geröteten Augen davon.

Nicht nur im Gerichtssaal, auch auf den Fluren wird am Mittwoch über Politik gesprochen. Weil die Angeklagten noch immer sitzen. Weil der Prozess vors Landgericht kam. „Da wurde von hoher politischer Stelle auf die Staatsanwaltschaft eingewirkt, das Verfahren so hoch zu hängen“, sagt ein Verteidiger. Gut, die Angeklagten hätten das Haus gestürmt. Den Botschaftschef gefesselt. Mobiliar zerstört. Aber eine Geiselnahme? „Davon kann keine Rede sein.“

Mittagspause. Dann hat der Angeklagte Alusi seinen Auftritt. „Saddam ist ein Verbrecher, der für täglich hunderte von Hinrichtungen verantwortlich ist“, schimpft er mit erhobenem Zeigefinger. Die Botschaft in der Riemeisterstraße sei der „verlängerte Arm“ des Regimes, eine Gefahr für alle. Das wollt en sie anprangern, „aus Notwehr“, nach der Aktion aber wieder friedlich abziehen, sagt Alusi. Und: „Ich befinde mich zu Unrecht in Haft.“

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