Zeitung Heute : Tränengas unter dem Obelisk

CARL D.GOERDELER,ROMEO REY

BUENOS AIRES .Um diese Jahreszeit ist es in Argentinien ganz schön kalt - aber am Dienstag abend kochten die Avenidas Sante Fé und Callao im Herzen von Buenos Aires vor Spannung.Bereits Stunden vor dem Spiel gegen England waren die Straßen der Metropole von Autos leergefegt, und vor den Großbildschirmen stauten sich die Menschen.Schon am frühen Nachmittag begannen sich die Straßen zu leeren.Aus den Büros, in denen keine Bildschirme bereitstanden, strömten sie zu Tausenden in die Cafeterias und Bars, um das Spiel in St.Etienne im Fernsehen zu verfolgen.Als Schiedsrichter Nielsen um 16 Uhr argentinischer Zeit anpfiff, roch es in der Stadt geradezu nach Adrenalin.Selbst im Parlament, im Regierungsgebäude, im Obersten Gerichtshof und im Stadthaus kam der Betrieb zum Erliegen.

Auch in den Krankenhäusern lief nichts mehr.Notfälle wurden erst gegen Schluß der Achtelfinalpartie wieder eingeliefert: vor allem Fälle von Infarkten, Asthma-Attacken und allzu hohem Blutdruck.Beim Verbraucherschutz, wo zu der Tageszeit ansonsten Hunderte von Reklamationen eintreffen, schwiegen die Telefone fast ganz.Nur zwei Anrufe: Beide verlangten mehr Tore von Batistuta.

Die größte Menschentraube bildete sich vor dem großen Obelisk auf der Avenida 9 de Julio.Dort kam es auch nach dem Spiel zu unschönen Szenen: Jugendliche Fan-Klubs begannen, sich gegenseitig mit Fahnen und Knüppeln die Köpfe einzuschlagen.Die Polizei, grimmig entschlossen wie eh und je, griff mit Tränengas und Wasserwerfern durch.Vier Stunden lang dauerte die Straßenschlacht.40 Personen erlitten Verletzungen, fast die Hälfte davon Ordnungshüter, 120 wurden verhaftet.In einem Vorort fanden drei Personen, die auf einem Lastwagen übermütig feierten, an einem unbewachten Bahnübergang den Tod.

Immer wieder versicherten die Fernsehkommentatoren vor und während des Spieles, daß die Begegnung mit England nichts, aber auch garnichts mit Politik, zu tun habe.Daß also, bitteschön, es nicht um Rache für die bittere Niederlage Argentiniens gegen Großbritannien im Falkland-Krieg 1982 gehe.Doch als dann nach Verlängerung und Elfmeterschießen endlich, endlich der Sieg feststand, dann gab es doch kein Halten der Gefühle mehr: daß man nun ausgerechnet England besiegt hat - welch ein verdientes Glück!

Roa, Roa, Roa! schallten die Sprechchöre: Der argentinische Torwart, der zwei englische Elfmeter gehalten hatte, war der Held des Abends.Der Sieg über Albion war doch auch eine moralische Wiedergutmachung für einst erlittene Schmach.Das Team von Passarella gereichte zur Ehre der Nation.

Argentinier, so lautet ein zynischer Spruch, sind Italiener, die Spanisch sprechen und sich wie Engländer aufführen.Mit dem Sieg über England können sie sich wieder ebenbürtig mit dem geliebten Feinde fühlen.

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