Zeitung Heute : Träumen zugucken

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Was ich von allen Sportarten am liebsten können würde, ist Surfen. Mit oder ohne Segel übers Wasser heizen, das stelle ich mir großartig vor. Außerdem ist man immer braun und hat sonnen- und salzwassergebleichte Haare. Diese Aussicht ließ mich über Jahre immer wieder Surfkurse besuchen. Irgendwo in Österreich habe ich sogar einen 1a-Schein gemacht. Bei der Prüfung wehte überhaupt kein Wind. Wir standen auf den kippeligen Brettern und hielten unsere Segel fest und wer nach zehn Minuten nicht ins Wasser gefallen war, hatte bestanden. So war das in Österreich. Ich surfte auch mal in Dänemark und vor Krk, das ist eine jugoslawische Insel im Mittelmeer. Es gibt Fotos, auf denen ich, weit vorgebeugt, versuche, das Segel festzuhalten. Es sieht sehr traurig aus und äußerst ungekonnt. Ich surfte auch mal auf einem See nahe Kiel. Da trieb ich ab ins Schilf und zerschnitt mir die Füße. Ich versuchte ersatzweise, Snowboarden zu lernen, demolierte mir aber dabei das Steißbein und verdrehte die Knie.

Inzwischen habe ich es aufgegeben. Ich kann nicht surfen und werde es auch nie mehr lernen. Zur überwältigenden Talentlosigkeit gesellen sich fortschreitende Fehlsichtigkeit, eine gewisse Unbeweglichkeit und immer häufiger die nackte Angst.

Dieser Traum, der nie in Erfüllung ging, hat mich aber nicht verbittert. Nein, bis heute erfreut mich allein der Gedanke, dass an meiner Stelle andere über die Wellen heizen, mit oder ohne Segel. Ich guck’ dabei auch gerne zu. Anders etwa als bei Fußballspielen oder bei der Tour de France. Ganz zu schweigen von Formel-1-Rennen. Dabei bin ich in der Grundschule schon als Fußballspielerin kläglich gescheitert, Rad fahren kann ich nur von zu Hause bis ins Büro und seit neuestem habe ich wegen meiner Autofahrkünste einen Punkt in Flensburg. Auch lauter gescheiterte Kunstfertigkeitserlernungserlebnisse. Vielleicht sind die Sportarten zu gegenwärtig jeden Tag. Fußballer werden ge-und verkauft, Radfahrten analysiert, Formel-1-Fahrer interviewt. Das ist nichts mehr zum Träumen. Nichts, was ich können will.

Surfer im Kino gibt es heute im Eiszeit-Kino: Riding Giants (OmU), Vorfilm Pororoca – Surfing The Amazonas (OF), 18.45 und 20.45 Uhr (Zeughofstraße 20, Kreuzberg)

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