TRAGIKOMÖDIE„Blue Jasmine“ : Hochmut vor dem Fall

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Foto: Warner
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Wie kurz der Weg vom Penthouse bis zur Parkbank sein kann, erfährt Jasmine (Cate Blanchett) am eigenen Leib. Eben noch war sie eine naive, bedingt alltagstaugliche High-Society-Gattin an der Seite des windigen New Yorker Finanzjongleurs Hal (Alec Baldwin), im nächsten Moment ist ihr Mann im Knast, und Häuser, Schmuck, Jacht und Vermögen sind vom FBI gepfändet. Richtig realisiert hat sie ihren Abstieg noch nicht: Obwohl wohnungs- und mittellos, reist sie wie gewohnt First Class, als sie bei ihrer jüngeren Adoptivschwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco Unterschlupf sucht.

Die Geringschätzung für Gingers flippigen Lebensstil und ihre prolligen Lebensgefährten hatte Jasmine früher nur nachlässig kaschiert, nun muss sich das gestrauchelte Luxusweibchen mit den Unbilden des kleinstbürgerlichen Existenzkampfs herumschlagen. Eine von Gingers Freund Chili (Bobby Cannavale) vermittelte Anstellung im Vorzimmer eines Zahnarztes soll das Sprungbrett für die erträumte Karriere als Innenarchitektin sein. Doch der zudringliche Dentist ist weniger an Jasmines fragwürdiger Arbeitsleistung als an ihren weiblichen Vorzügen interessiert. Ihr freier Fall ins gesellschaftliche Nichts scheint abgefedert zu werden, als sie einen attraktiven, verwitweten Diplomaten (Peter Sarsgaard) kennen lernt.

Es dürfte kein Zufall sein, dass der Vielfilmer Woody Allen nach einer langen Phase vorwiegend in Europa spielender Filme, nach federleichten Städtekomödien („To Rome with Love“, „Midnight in Paris“) und realitätsfernen Krimigrotesken („Match Point“, „Scoop“) mit einem ernsten Sujet in seine Heimat zurückkehrt. Auch wenn er die Abstiegsmechanismen im krisengeschüttelten Amerika an einem in seiner extremen Perspektive unwahrscheinlichen und somit wieder ins Groteske verweisenden – und mit schwarzem Humor gewürzten – Fallbeispiel durchexerziert, spürt man, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt.

Dass es „Blue Jasmine“ gelingt, für eine wenig liebenswerte Person, die noch dazu weitgehend selbst die Verantwortung für ihr Schicksal trägt, Empathie zu wecken, ist gleichermaßen Resultat von Allens subtilem Drehbuch und souveräner Regie wie von Cate Blanchetts sensationeller Verkörperung einer menschlichen Tragödie. Aus einer wie fast immer bei Allen bestens aufgelegten Darstellerriege ragt ihre schonungslose, nuancierte Performance oscarreif heraus. Beeindruckend. Jörg Wunder

USA 2013, 98 Min., R: Woody Allen, D: Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin

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