TRAGIKOMÖDIE„Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ : Ein Bild von einem Held

von
Foto: Fox
Foto: Fox

Sein halbes Leben hat Walter Mitty (Ben Stiller) im Fotolabor des „Life“-Magazins verbracht, wo er für die Entwicklung und Archivierung der Negative verantwortlich ist. Während die Fotografen der hoch angesehenen Zeitschrift in die entlegensten Winkel der Welt reisten, blieb Walter im Archiv des Verlags und nahm das Leben vornehmlich durch die Bilder anderer wahr. Da sein Dasein in allzu geordneten Bahnen verläuft, flüchtet sich der Junggeselle in Tagträume und wird zum Helden seiner eigenen Fantasiewelt.

Aber dann ist Walters berufliche Existenz bedroht, und mit Tagträumen allein lässt sich Realität nicht mehr austricksen. Die Zeitschrift soll eingestellt werden und nur noch online erscheinen. Eine Entlassungswelle rollt heran. Für das letzte Heft hat der Star-Fotograf des Magazins (Sean Penn) das Titelfoto schon geschickt. Die Suche nach dem verschwundenen Negativ führt Walter weit über die eigenen Grenzen hinaus.

„Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ beruht auf einer Kurzgeschichte von James Thurber aus dem Jahre 1939, die in der amerikanischen Literaturszene Kultstatus genießt. Ben Stiller sucht im gegenwärtigen Setting der US-Wirtschaftskrise seinen eigenen Zugang zur Geschichte des Tagträumers. Widmet sich das erste Drittel des Films noch dem Kontrast zwischen grauem Büroalltag und Mittys schrillen Heldenfantasien, geht es danach eher um die Selbstfindung des schüchternen Angestellten. Von Arbeitslosigkeit bedroht, wächst Mitty über sich hinaus und kommt auf der Suche nach dem Negativ in direkten, sinnlichen Kontakt mit der Wirklichkeit und den eigenen Sehnsüchten.

Ganz unangestrengt gelingt Stiller ein inspirierender Film über einen Mann, der mit dem Job seinen Lebensmittelpunkt verliert. Ohne amerikanische Stehaufmännchen-Mythen zu bedienen, zeigt er, dass im Verlust der Sicherheiten auch die Chance zur Selbsterkenntnis und Neudefinition steckt. So etwas könnte schnell im Erbauungskitsch enden, aber Stiller findet, indem er seinen Walter Mitty nach Grönland, Island und in den Himalaja schickt, stimmungsvolle Bilder für die allmähliche Selbstbefreiung. Das gilt besonders für die Schlusswendung, wenn Walter endlich den Star-Fotografen aufstöbert und Sean Penn mit einem wunderbaren Gastauftritt die Zielspannung der Geschichte auf buddhistisch gelassene Weise malerisch verpuffen lässt. Sehenswert. Martin Schwickert

USA 2013, 115 Min., R: Ben Stiller, D: Ben Stiller, Kristen Wiig, Shirley MacLaine

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