TRAGIKOMÖDIE„Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau“ : Ich heirate eine Familie

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Über dem herrschaftlichen Anwesen der Whittakers liegt der Mehltau des Niedergangs. Zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts sind die Folgen der industriellen Revolution auch in den Refugien des britischen Landadels nicht mehr zu leugnen – durch die rückschrittliche Bewirtschaftung der Familiengüter schwebt die Pleite wie ein Damoklesschwert über dem ehrwürdigen Geschlecht. Zudem droht der Stammbaum zu veröden: Die ältere Tochter gilt als schwer vermittelbar, die jüngere ist eine unreife Göre. Als würde das, die transusige Dienerschaft und ein lethargischer Ehemann dem Familienoberhaupt Veronica Whittaker nicht schon genug Kummer bereiten, kehrt das naive Lebemann-Söhnchen auch noch frisch verheiratet von einer Europareise zurück. Dass die Auserwählte nicht nur Rennfahrerin, sondern, schlimmer noch, Amerikanerin ist, sorgt bald für tiefe Gräben im Zusammenleben.

„Easy Virtue“, Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von Noël Coward, erinnert mit geschliffener Rhetorik und pointierten Dialogen an die goldene Ära der Screwball-Comedy – schwer vorstellbar, dass Alfred Hitchcock vor achtzig Jahre einen Stummfilm zum selben Thema drehte. Der Australier Stephan Elliott, Regisseur des wunderbaren Trashicals „Priscilla – Königin der Wüste“, setzt ganz auf sein vorzügliches Darstellerensemble. Vor allem die Wortduelle zwischen Ehefrau und Schwiegermutter funkeln vor Boshaftigkeit: Kristin Scott Thomas (Foto, links) lässt als giftspritzendes, intrigantes Muttertier keine Gelegenheit zur Demütigung des unerwünschten Familienzuwachses aus, Jessica Biel (rechts) wehrt sich als emanzipiertes Working-Class-Aufsteiger-Girl nach Kräften – den Zickenkrieg zwischen der Britin Scott Thomas und der Amerikanerin Biel sollte man sich unbedingt in der englischen Originalfassung geben.

Gegen die impulsive Dominanz der glänzend aufgelegten Hauptdarstellerinnen hat Ben Barnes als schnöseliger, illoyaler Schönling einen schweren Stand, während Colin Firths Interpretation des in einer inneren Emigration verharrenden Hausherrn zu den Höhepunkten dieses wunderbaren Films gehört. Mit stimmigem Plot, präziser Ausstattung, vorzüglichem Timing und der exquisiten Balance zwischen tragischen und komischen Elementen ist „Easy Virtue“ eine der positiven Überraschungen des Kinojahres. Rundum gelungen. Jörg Wunder

„Easy Virtue“, GB/CDN 2008, 97 Min.,

R: Stephan Elliott, D: Jessica Biel, Kristin Scott

Thomas, Ben Barnes, Colin Firth

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