TRAGIKOMÖDIE„Whisky mit Wodka“ : Wir sind alle ersetzbar

Nadine Lange
297950_0_7f89eef5.jpg
Foto: Senator/Central

Plötzlich steht er ganz oben auf einer Leiter. Was er da will, weiß er selber nicht recht. Aber so ist das halt, wenn man vor sich selber wegläuft. Schauspieler Otto Kullenberg (Henry Hübchen, Foto rechts) ist ein großer Filmstar und trotzdem auf der Flucht: Er spürt langsam das Alter und die Einsamkeit. Also greift er mal wieder zur Flasche – mitten in den Dreharbeiten zu einem Zwanziger-Jahre- Drama. Die Produzenten bekommen Panik und schicken den jüngeren Theaterkollegen Arno Runge (Markus Hering, links) ans Set in Rügen. Alle Kullenberg-Szenen sollen mit ihm noch einmal gedreht werden, als Absicherung, falls der Star alkoholbedingt ausfällt. Kullenberg ist sehr erzürnt über diese Behandlung – und prompt topmotiviert.

Diese Ersatzspieler-Episode geht auf eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1957 zurück, als es beim Dreh des Defa-Zweiteilers „Schlösser und Katen“ ebenfalls zu Problemen mit einem trinkenden Hauptdarsteller kam. Frank Beyer war damals Regieassistent und erzählte die Geschichte später Wolfgang Kohlhaase, der daraus eines seiner wunderbar lakonisch-melancholischen Drehbücher („Solo Sunny“, „Sommer vorm Balkon“) gemacht hat.

Bei aller Herbstlichkeit wird der von Andreas Dresen inszenierte Film nie sentimental – selbst dann nicht, als Kullenberg seiner jungen Geliebten Rilkes komplettes Herbstgedicht rezitiert. Das hat viel mit Henry Hübchens großem Können zu tun, wie überhaupt der „Whisky mit Wodka“ sich auf sein ausgezeichnetes Ensemble (herausragend: Corinna Harfouch) verlassen kann. Zum anderen sind es natürlich Kohlhaases tolle Einzeiler („Du kannst für 2,50 nicht die Bibel verfilmen“, „Tango? Hab ich im Gesicht“), durch die immer wieder Leichtigkeit in die Handlung kommt.

Etwas krampfig wirken hingegen die Nebenstränge, in denen die Filmcrew mehr oder weniger als Knallchargenparade (allen voran Regisseur Martin Telleck) gezeigt wird. Den Reigen von Liebeleien und Eifersüchteleien im Wohnwagenpark meint Dresen wahrscheinlich selbstironisch. Doch richtig zünden mag er nicht. Vielleicht hätte hier ein bisschen mehr Mut in Richtung Screwball-Comedy gut getan. Liebevolle Melanchomödie übers Älterwerden. Nadine Lange

„Whisky mit Wodka“, D 2009, 104 Min.,

R: Andreas Dresen, D: Henry Hübchen, Corinna

Harfouch, Sylvester Groth, Markus Hering

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben