Zeitung Heute : TRAINER PARREIRA STEHT VOR DEM ABSCHUSS: Formvollendeter Untergang

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Der Herrscher über den saudischen Fußball kennt im Zweifelsfall keine Gnade und kein Pardon: Wenn Prinz Faysal Ibn Fahd Ibn Abd al Aziz mal wieder das Gefühl hat, "daß unser Trainer nichts mehr taugt", dann muß der vom Scheich schuldig gesprochene Delinquent eben gehen.Höchstpersönlich hat der autoritäre Regent mit der Öl-Lizenz zum Gelddrucken schon Größen wie dem Holländer Leo Beenhakker oder dem Argentinier Jorge Solari die Entlassungspapiere ausgestellt.Auch dem deutschen Fußball-Missionar Otto Pfister knallte er die Degradierung zum Sport-Direktor vor die Füße, und das, obwohl der wackere Germane gerade eben die WM-Qualifikation mit der eigenwilligen Saudi-Truppe geschafft hatte.

Täuscht der Eindruck nicht, den Insider aus dem Lager der Araber kolportieren, dann hat der geldschwere Sohn von König Fahd, ein Liebhaber des amerikanischen Heuern-und-Feuern-Prinzips, sein neuestes Opfer schon ausgeguckt: Der Fünf-Millionen-Dollar-Mann auf der Trainerbank, der brasilianische Weltmeister-Trainer Carlos Alberto Parreira, steht offenbar kurz vor dem Rauswurf.Nach der 0:1-Pleite gegen Dänemark werde er sich ein weiteres "Desaster" nicht bieten lassen: "Die Ehre der Nationalmannschaft steht jetzt auf dem Spiel."

Für arabische Beobachter ist die Uhr von Parreira schon abgelaufen: "Die Zeit des Brasilianers steht auf Fünf nach Zwölf", resümierte die "Gulf News" nach dem dürftigen Auftritt gegen die keineswegs überzeugenden, längst nicht mehr explosiven Dänen.Erzürnt hat in der Golfregion besonders die gleichmütige Attitüde, mit der Bank-Direktor Parreira den formvollendeten Untergang der saudischen Auswahl verfolgte."Fast eingeschlafen" sei der Millionen-Coach, granteln saudische Journalisten, die den Südamerikaner unter der Hand als "Abzocker ohne Herz" einstufen.Mit dem deutschen Entwicklungshelfer Pfister, sagt selbst ein hoher Verbandsfunktionär im Pariser Trainingsquartier, "hätten wir hier nicht so ein Trauerspiel erlebt".Bisher sei die saudi-arabische Auswahl die "schwächste aller Mannschaften" gewesen, kabelte ein entsetzter Journalist der "Khaleej Times" heim ins Ölreich.Die Spielkultur der letzten Weltmeisterschaft ist tatsächlich verschwunden wie das Trugbild einer Fata Morgana.

Wie umstritten und ungeliebt der teuerste Nationaltrainer der Welt im eigenen Lager ist, demonstrierte der Teamkapitän Fuad Amin bereits im Auftaktmatch gegen Dänemark: Von Parreira zur Auswechslung aufgefordert, warf der Spielführer dem Brasilianer seine Binde in aller Öffentlichkeit vor die Füße.Verbands-Vize Ben Fahd Ben Abdel Aziz fiel seinem Trainer noch zusätzlich in den Rücken, als er sich kopfschüttelnd fragte, "ob mir einer diese Auswechslung erklären kann".Disziplinarische Maßnahmen gegen den Kapitän lehnte der Sultan ausdrücklich ab.

Die in Saudi-Arabien weithin erwartete Achtelfinal-Teilnahme - wie 1994 in den USA - hat der umstrittene, von allen Seiten bedrängte Parreira innerlich genau so abgeschrieben wie die Verlängerung seines zunächst auf sieben Monate befristeten Trainer-Kontrakts."Ein Schritt zurück wird hier als Demütigung empfunden", sagte Parreira vor dem Frankreich-Match, "das verletzt die Menschen".Da ist es zwecklos, wenn Parreira die versammelte Prinzenschar darauf hinweist, "daß Deutschland als Weltmeister dann 1994 auch schon im Viertelfinale ausgeschieden ist".Immerhin kassiert Parreira für den Frust, daß ihm die vermögenden Wüstensöhne selbst die simpelsten Fußball-Weisheiten nicht abkaufen, ein eindrucksvolles Schmerzensgeld.

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