Zeitung Heute : Trampelpfade im Mode-Dschungel

Susanna Nieder

Herbst. Höchste Zeit, den Kleiderschrank umzugraben und die Wintersachen nach vorn zu pflügen. Doch lumpige sechs Monate Licht und Wärme sind nicht genug, um den Überdruss zu vergessen, den diese Klamotten spätestens ab Februar verursacht haben. Da hilft nur eins: Neue müssen her!

Und diesmal werde ich modisch. Bestimmt! Also erst einmal die Stilbibeln konsultiert. Offenbar sind diese Saison bestickte Röckchen, dazu sachlich gemusterte Pullis und Fellstiefel von der Größe zweier Cockerspaniels angesagt. Alternativ gäbe es einen wilden Mustermix - nicht mehr psychedelisch wie letzten Sommer, sondern Karo mit Hahnentritt mit Nadelstreifen mit Großgeblümtem und so weiter. Das Chinchillajäckchen von Voigt Style kostet 8000 Mark, da fällt es leicht, Pelzgegnerin zu sein. Die Riesensonnenbrille von Armani erübrigt sich ebenfalls. Zu hohe Sonneneinstrahlung wird in Berlin nicht zu den Herausforderungen des nächsten halben Jahres gehören.

Immerhin: Die Farbe der Saison ist Schwarz. Das ist gut. Mit Schwarz kennt sich aus, wer in den 80er Jahren sozialisiert wurde, das ist sozusagen meine modische Heimat. Details aus den 60er und 70er Jahren, die ich selbst noch miterlebt habe, sind mir suspekt, zum Beispiel besagte Pelzstiefel und -mützen von gigantischem Umfang (zum Beispiel bei Prada, Blumarine, Boss) oder tiefer gelegte Hüfthosen (noch immer von Dolce & Gabbana favorisiert, auch von YSL). Und erst recht vorgeranzte Jeans.

Jeans zieren jedes zweite Schaufenster, mit den Hintertaschen vorne, den Vordertaschen hinten, mit Seitennaht, die sich ums Bein schlingt, weit, eng, auf Hüfte oder Taille, mit Schlag und ohne. Und fast alle sind vorgeranzt. Ich lehne das ab. Zu meiner Zeit haben wir die Jeans noch selber abgetragen. Wenn sich endlich der für Street Credibility erforderliche Grad von Abgenutztheit eingestellt hatte, trat einer von zwei Fällen ein. Entweder die Mutter nahm das kostbare Stück und trat es erbarmungslos in die Tonne. Oder der Reißverschluss barst. Schließlich hatte man sich im Jeansladen (unserer hieß "Westernstore" und war mit Saloontüren vor den Umkleidekabinen sowie einem Pferdesattel dekoriert) auf den Boden gelegt, um die Jeans zuzukriegen. Labbrige Jeans waren der Nadir der Uncoolness.

Wenn der Reißverschluss hin war, musste man ihn selbst wieder einnähen; der Gedanke, eine Jeans zur Änderungsschneiderei zu bringen, war noch nicht geboren. Meine Schwester hatte das drauf, ich nicht (und sie machte das natürlich nur für sich, das Biest). Hinterher war meistens die ganze Hose im Eimer. Wir haben gelitten für unsere Jeans! "Eine Jeans erzählt die Geschichte ihres Trägers", sagte kürzlich ein PR-Manager von Levis. Jawohl! Vorgeranzte Jeans betrachte ich als Geschichtsklitterung. Außerdem bin ich zu dick für sowas - wie für 80 Prozent dessen, was über die Laufstege getragen wird.

"Es sieht eben nicht gut aus, wenn man bestimmte Sachen einer sehr dicken Frau, etwa mit Größe 14, anzieht", sagt Vivienne Westwood. Sehr dick! Mit Größe 14! Das entspricht unserer Größe 40. Meiner Größe! Dass ich im guten Mittel liege, wird mir immer dann bewusst, wenn es das Kleidungsstück, für das ich mich mühsam entschieden habe, nur noch in 34 und 36 und dann wieder ab 44 gibt. Also im Normalfall. Aber man soll nicht pessimistisch an den Kleiderkauf herangehen, und mit Jeans fange ich gar nicht erst an. Ein ordentliches Kaufhaus hat mehr zu bieten.

Durch die Kosmetiktempel im Erdgeschoss bewege ich mich grundsätzlich im Laufschritt, um nicht von einer der perfekt geschminkten Damen mit Parfüm angesprüht oder auf einen Barhocker gezerrt und unter einer Jupiterlampe mit meinem eigenen Spiegelbild konfrontiert zu werden. Magisch angezogen fühle ich mich dagegen von der Dessousabteilung.

Kaum jemals gibt es einen Moment in den Dessousabteilungen dieser Welt, in dem nicht ein Mann zwischen Stringtangas und durchsichtiger Spitze steht, sperrig wie ein Pferd und mit gottergebener Miene auf die Gattin wartend. Tippt man ihn an, setzt er sich in Bewegung und bleibt zwischen Strapsen und Korsetts stehen. Der Begutachtung der BHs steht dann nichts mehr im Wege. Im Moment sind solche mit Schaumstoffpanzer in, die eine Donnerbüste machen. Und das Nonplusultra: der Push-up mit Aqua-pads. Vermittels wassergefüllter Kissen schiebt er die ganze Chose bis unters Kinn; zu vernünftigen Gesprächen wird es in diesem Aufzug nicht kommen. Aber man muss ja nicht immer reden. Hurra, es regt sich ein Kaufimpuls!

Doch in der Umkleidekabine lauert das Grauen. Ja, wollen diese Kaufhausbesitzer denn nicht verkaufen? Aus irgendeinem Grund ist dort die Beleuchtung immer grünlich. Aus drei Spiegeln starrt mich ein kurzbeiniges, von Orangenhaut entstelltes Monster an. Die Haare sind okay, immerhin. Aber der Kaufimpuls ist flöten. Am Ende werde ich doch wieder bei H & M eine Handvoll Unterwäsche in Rot und Violett kaufen, das kostet nichts, ich muss sie nicht anprobieren, und der nächste der meckert, mein BH sei ihm zu unaufregend, soll selber losgehen und mir einen besorgen.

Auch in der Schuhabteilung gibt es keinen Trost, denn die riemenlosen, nur zum Stehen geeigneten Schläppchen des letzten Jahres wurden von Stilettos abgelöst, mit denen man einen Menschen erstechen könnte - wahlweise mit Spitze oder Absatz (bei Tods und Ferragamo, Chanel, Escada, Dolce & Gabbana, Alberta Ferreti - eigentlich bei allen). Das trage, wer kann. Die dazu passenden sehr langen, sehr schmalen Taschen sehen zwar scharf aus, aber frau muss sie am abgeknickten Ellenbogen transportieren - nichts für ein Working Girl wie mich.

Spätestens jetzt kann ich mir denken, wie die Sache ausgehen wird: mit schwarzer Hose, schwarzer Jacke und roten Oberteilen, damit der Winter nicht gar so trübe wird. Kurzum: mit Basics. Und wann werde ich modisch? Ach. Vielleicht im Sommer.

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