Zeitung Heute : Transatlantische Arbeit am Alltag

WALTHER STÜTZLE

Die Zukunft im deutsch-amerikanischen Verhältnis hat zwar lange schon begonnen, doch was ist ihr Inhalt? Alltag heißt der Inhalt, Arbeit am Detail, nicht Tanz ums große Konzept.VON WALTHER STÜTZLEAmerika ist die stärkste Macht Europas und Deutschland der bevorzugte Partner der Vereinigten Staaten.Das transatlantische Band ist kräftig, die Beziehungen sind sturmerprobt und die wichtigen Akteure diesseits und jenseits des Ozeans überzeugte Bannerträger der Allianz und Anwälte für eine gemeinsame Zukunft.Auf Washington ist Verlaß, der Einheit Deutschlands sah Amerika schon vor dem Fall der Mauer begeistert entgegen.Als Paris und London noch zögerten, noch versuchten, in ihren Kabinetts-Stuben befürchtete Macht-Kosten der deutschen Vereinigung für England und Frankreich zu kalkulieren, da priesen George Bush und Jim Baker schon die Vorteile der Einheit und gönnten sich den Blick in eine ungeteilte Zukunft Europas. Aus der Zukunft von damals sind mittlerweile sieben Jahre Vergangenheit geworden - der Glanz der großen Stunden ist verflogen, und im Vordergrund steht die Frage nach dem, was unter der Oberfläche brodelt.Wohin soll die Reise gehen, was bindet Amerika und Deutschland zusammen, nachdem die Bedrohung verschwunden ist, Verteidigung ihren herausragenden Rang verloren hat und kraftspendende Symbole wie einstmals Berlin zu fehlen scheinen? Die Zukunft im deutsch-amerikanischen Verhältnis hat zwar lange schon begonnen, doch was ist ihr Inhalt? Die Antwort ist so nüchtern wie die daraus folgenden Konsequenzen weitgehend glanzlos sind.Alltag heißt der Inhalt, Arbeit am Detail, nicht Tanz ums große Konzept.Freudlos muß es dabei nicht zugehen.Aber Gelegenheit zu politischer Heldentat wird sich selten bieten, wenn überhaupt.Die USA sind für Deutschland der bedeutendste außereuropäische Handelspartner.Gemessen an der Kaufkraft ist die Nordamerikanische Freihandelszone der wichtigste außereuropäische Markt, weit vor China.Im Verhältnis zwischen den USA und Deutschland hat Vorrang, was auch das Schicksal der beiden Gesellschaften in ihren Staaten bestimmt: die Fähigkeit, in freiheitlich verfaßten Demokratien den Bürgern eine Existenz in Würde und Freiheit zu sichern, ein Leben mit Arbeit und Brot. Zur neuen Wirklichkeit gehört, daß Amerika sich fähiger dünkt als Deutschland, diese Herausforderung zu bestehen.Politik und Gesellschaft hierzulande werden in der Neuen Welt als statisch und unbeweglich wahrgenommen.Der komplizierte Prozeß, Lösungen zu finden, das Zusammenspiel von Parteien und Parlamentskammern, von Gewerkschaften und Verbänden, von Gesellschaft und Wirtschaft wird in zunehmenden Maße weniger verstanden.Daß dies auch in umgekehrter Richtung gilt, ist kein Trost, sondern macht die Verständigung nur noch schwerer.Erste Folgen sind bereits sichtbar: Amerikanische Investoren zögern, ihr Geld bei uns anzulegen.Mitglieder des mächtigen Senats suchen kaum noch das persönliche Gespräch, wohl aber die Öffentlichkeit, um Bonn unter Druck zu setzen.82 Senatoren haben sich nicht etwa auf den Weg nach Deutschland, sondern auf die Anzeigenseite der International Herald Tribune begeben, um deutsche Zahlungen für Holocaust-Überlebende in Mittelosteuropa zu verlangen.Undenkbar, daß der Senat vor einer Dekade auf die Idee verfallen wäre, eine gerechte Forderung mit öffentlichen Briefen durchzusetzen.Druck statt Diplomatie - noch ist das nicht die Regel; aber die Anzeichen mehren sich, daß die neuen Akteure in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich sind.Daß Prozeduren Teil der politischen Substanz sind, scheint ihnen nicht bewußt oder, schlimmer noch, egal zu sein. Roman Herzog, Deutschlands einflußreichster Botschafter, hat erst jüngst seine Zuhörer in Washington ermutigt, die Bundesrepublik nicht zu unterschätzen.Ein befreiendes Wort in einer beklemmenden Situation.Doch das Wort wird nur wirken, wenn die Alltagsarbeit den Inhalt liefert.Nach 14 Monaten Unterbrechung schickt Washington wieder einen Botschafter an den Rhein.Lange Einarbeitung wird John Kornblum nicht benötigen.Er kennt Europa, zumal die Bundesrepublik, seit Jahrzehnten.Allerdings ist das Deutschland, in dem er die USA nun vertritt, ziemlich neu.Auch viele Deutsche finden sich nur schwer zurecht im neuen Land.In dieser Zeit zwischen den Zeiten einen zuverlässigen Interpreten in Amerika zu haben, ist wichtig und beruhigend.Ein Ersatz für eigene Anstrengungen ist er freilich nicht.

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