Zeitung Heute : Transfer zum Hotel per Rad oder zu Fuß

VOLKER KLINKMÜLLER

Für die Insel Phu Quoc vor der Küste Vietnams hat die touristische Zukunft eben erst begonnenVON VOLKER KLINKMÜLLER

Die Maschine wartet schon auf dem Flugfeld.Noch schnell ein letztes Bad im Meer und unbedingt drei Kilo grüne Mangos als fruchtige Erinnerung - schließlich liegen Strand und Markt nur wenige hundert Meter vom kleinen Airport entfernt.Gleich nach dem Start gibt es noch ein flüchtiges Wiedersehen mit Phu Quoc: der Hafen der Insel-Hauptstadt Duong Dong mit seinen unzähligen, bunten Fischerbooten, die kilometerlangen goldgelben Sandstrände, die sichelförmigen Badebuchten, die bis zu 500 Meter hohen, von dichtem Regenwald bedeckten Berge.Und selbst hier oben kitzelt er scheinbar in der Nase: dieser strenge, allgegenwärtige Geruch der Fischsauce "Nuoc Mam", die als Lebenselixier der Insel in zahlreichen Betrieben produziert wird und Phu Quoc im ganzen Land bekannt gemacht hat. Mit seinen 585 Quadratmetern Fläche ist Phu Quoc Vietnams größte Insel.Aber durch seine unmittelbare Nähe zu Kambodscha gerät das rund 60 Kilometer lange und zwischen drei und 30 Kilometern breite Eiland leicht aus dem Blickfeld.Und obwohl Vietnam neuerdings auch als Badeland entdeckt wird, findet sich Phu Quoc nur in ganz wenigen Reisekatalogen.Von den rund 1,6 Millionen Ausländern, die 1996 nach Vietnam kamen, reiste kaum einer nach Phu Quoc.Doch die Insel bietet einfach zu viel, um noch lange als weißer Fleck auf der touristischen Landkarte weiterzuschlummern. Noch müssen sich westliche Touristen, die nach rund einer Stunde Flugzeit aus Saigon einschweben oder die Insel von den beiden kleinen Hafenstädten Rach Gia und Ha Tien im Mekong-Delta nach beschwerlicher Schiffsreise erreichen, auf einen Zeitensprung gefaßt machen: Hotel-Transfer auf dem Moped-Taxi, in dreirädrigen Fahrrad-Cyclos oder einfach zu Fuß.Weniger Qual der Wahl birgt die Frage der Unterkunft.Als erster Anlaufpunkt bietet sich nur das staatliche Hotel "Huong Bien" (Parfüm des Meeres) am Stadtrand von Duong Dong an - ein ebenerdiger, funktionaler Betonbau direkt am Strand.Geräumige Zimmer mit Moskitonetzen, Duschbad, Ventilatoren oder sogar Klimaanlage vermitteln eine erste Idee westlichen Komforts. Nguyen Xuan Loi von der Rezeption hilft, wo er kann.Mit seiner ehrenamtlichen Rolle als einziger Touristenberater der Insel hat er sich längst abgefunden.Routiniert wandert sein Zeigefinger über die Karte, die Phu Quoc als traubenförmiges Eiland an der Wand zeigt.Quellen und Wasserfälle hier, die wichtigsten Pagoden und Plantagen dort - und die über 30 Kilometer lange Westküste fast ein einziger Sandstrand.Am nächsten Morgen stehen zwei alte Honda-Mopeds vor der Tür, für jeweils zehn Dollar Tagesmiete.Eines ohne Licht, das andere ohne Hupe, aber beide vollgetankt."Nehmt genug Trinkwasser mit und kommt vor Einbruch der Dunkelheit zurück", mahnt Nguyen Xuan Loi.Zuerst geht es auf einer Brücke über eine Lagune, dann immer entlang der roten Schotterpiste in Richtung Süden. Schier unendliche Kokospalmen-Wälder säumen das Inselufer.Im Schatten ihrer Boote dösen Fischer am Strand, Frauen legen den Fang zum Trocknen aus oder flicken löchrige Netze.Immer wieder rufen Kinder ein vietnamesisches "Xieng Chao" oder auch schon mal auf Englisch "Hello!", winken aufgeregt mit den Armen, als sei das Vorbeifahren der weißen Langnasen der Höhepunkt ihres Tages.Längst nicht alle Touristen, die sich auf die Insel verlieren, sind Europäer, Australier oder Amerikaner.Viele ehemals Einheimische, die nach der kommunistischen Machtübernahme 1975 als "Boat-People" von Phu Quoc flohen, kehren heute zum Besuch ihrer Familienangehörigen zurück. Ältere Spuren der Vergangenheit lassen sich auf Phu Quoc nicht immer ohne weiteres entdecken.Ins Auge fallen vor allem die bunten Grabmale reicher Chinesen, die in den Hügeln jenseits der Schotterpiste auftauchen.Einen unvermuteten Schlüssel bieten die großen Plantagen der Insel.Sie wurden einst von Sträflingen in den Urwald geschlagen.Anfang des 19.Jahrhunderts hatte die französische Kolonialmacht hier - neben dem berüchtigten "Poulo Condore" im Südchinesischen Meer - das wohl größte Gefangenenlager Südostasiens eingerichtet.Später - zwischen 1967 und 1972 - soll das südvietnamesische Regime auf Phu Quoc fast 40 000 Menschen gefangengehalten haben.Die vier Abteilungen des einstigen "Nha Lao Cay Dua" (Kokosnuß-Gefängnis) haben sich über mehrere Hektar erstreckt.Noch heute erinnern imposante Ruinen aus roten Backsteinziegeln daran. Sie liegen in der Nähe von An Thoi, der zweitgrößten Stadt im Süden der Insel.Am Hafen führen breite Holzstege in das Meer hinaus, an denen eine mächtige Flotte dümpelt.Insgesamt sollen 2000 Fischerboote auf Phu Quoc beheimatet sein.Sie befinden sich meist in Familienbesitz und bilden das Rückgrat der Inselwirtschaft.Jährlich werden etwa 35000 Tonnen Fische und Meeresfrüchte "geerntet".Forstwirtschaft ist kaum möglich, da die Inselwälder als letzter Regenwald Südvietnams weitgehend unter Naturschutz stehen.Seltene Baumarten, mehr als 1000 Heilkräuter, aber auch große Pythons, Wildschweine und Affen soll es darin geben.Auf bereits gerodeten Flächen wachsen Pfeffer, Cashewnüsse, Mangos oder andere Obstsorten.Für Reisfelder ist der Inselboden zu sandig.Als neue Einkommensquelle sind Touristen willkommen.Für wenige Dollar lassen sich die Fischer in An Thoi gern überreden, die Fremden zum Schnorcheln zwischen den 15 vorgelagerten, kleinen Eilanden - "Schatten-Insel", "Echo-Insel" oder "Wolken-Insel" - herumzuschippern. Nicht weit von An Thoi erstrecken sich die menschenleeren Badebuchten "Bai Khem" und "Bai Sao".Weißer Pudersand, türkisblaues Wasser, nur über einen schwierigen Trampelpfad zu erreichen.Eine angeschwemmte Soldatenhose erinnert daran, daß hier eigentlich noch militärisches Sperrgebiet ist.Doch wie auch einige Strände im Norden Phu Quocs sind diese beiden Buchten inzwischen für badende Zivilisten freigegeben.Sogar der "Club Mediterranee" soll für dieses Fleckchen Erde schon Interesse bekundet haben.Aber auch wenn die Insel demnächst in ein organisiertes Urlaubsziel verwandelt werden sollte, wird sie vorerst eine Bastion der vietnamesischen Armee bleiben.Denn allzugern würde sich Kambodscha Phu Quoc als "Koh Kral" einverleiben.Rein geographisch gesehen durchaus verständlich: schließlich liegt das Archipel nur etwa 15 Kilometer von der kambodschanischen Festlandsprovinz Kampot entfernt, während es nach Ha Tien an Vietnams Küste fast 50 Kilometer sind. Es gibt noch ganz andere Pläne mit Phu Quoc: Die kanadische Investorengruppe "Phu Quoc Development Ltd" (PQID) hat schon einen 500 Millionen Dollar schweren Masterplan vorgelegt, der aus der Insel eine Freihandelszone oder sogar ein internationales Finanzzentrum machen soll.Auch Singapur hat mit Vietnam schon eine vorläufige Vereinbarung über eine halbe Milliarde Dollar für Entwicklungsprojekte unterzeichnet.Doch die großen Pläne stoßen auch auf Skepsis: Zum einen gibt es in dieser Region bereits einige Freihandelszonen wie etwa die kürzlich ausgebaute malaysische Insel "Labuan", zum anderen fehlt es in Vietnam noch immer an einem ausgereiften Rechts- und Finanzsystem, das minimale Voraussetzung für ein internationales Bankenzentrum wäre. Angesichts solcher Aussichten wäre eine ebenso gezielte wie sanfte touristische Entwicklung wohl das kleinere Übel für dieses Juwel im Golf von Thailand.Damit begonnen hat zumindest schon das "Huong-Bien-Hotel": Zwei neue, vierstöckige Hotelflügel mit 46 Zimmern im Drei-Sterne-Standard wurden jüngst fertig.Mit dem 15 Zimmer kleinen "Kim Linh" öffnete an der Westküste auch bereits das erste private Hotel der Insel.Und Hoan Vuy, der mit seinem 150sitzigen Passagierboot zwischen Phu Quoc und dem vietnamesischen Hafenstädtchen Rach verkehrt, träumt schon von einem größeren Schiff.Wie rund ein Drittel der 55 000 Insulaner ist er mit seiner Ehefrau erst in den 80er Jahren vom Festland übergesiedelt.Die Zuwanderer bilden heute die neue Führungsschicht von Phu Quoc, kontrollieren die wichtigsten Geschäfte und Verwaltungspositionen. Vor allem das Fischsaucen-Geschäft expandierte sichtlich.Gab es 1975 gerade mal 30 Fabriken, so sind es heute 300 Menschen in knapp 90 Betrieben, die jährlich rund acht Millionen Liter Fischsauce fermentieren.Aus dunklen Lagerhallen am Hafen von Duong Dong, in denen die sirupartige, cognacbraune Flüssigkeit gärt, schlägt der Geruch besonders streng entgegen."Nuoc Mam" ist für die Landesküche ebenso wichtig wie Olivenöl in Italien, Wein in Frankreich oder Soja in Japan.Mit einem Eiweißgehalt von 36 bis 40 Prozent gehört die Fischsauce zu jedem vietnamesischen Gericht und soll in einer bestimmten Konzentration sogar bei Magenproblemen Abhilfe schaffen."Bei der Produktion kommen wir ohne Chemikalien oder Konservierungsstoffe aus.Wir füllen die Fässer mit Sardinen auf, schichten ein paar Schaufeln Salz drauf und decken das Ganze mit Wasser luftdicht ab", erklärt Fabrikant Truong Van Thuy, der an einem drei Meter hohen Holztrog gerade einen Abguß beaufsichtigt, während sich der atemraubende "Duft" für ungeübte Nasen bis zum Würgereiz steigert. Der erste Extrakt, der nach vier Monaten abgeschöpft werden kann, gilt natürlich als der beste - und Phu Quocs Fischsauce überhaupt als delikateste von ganz Vietnam.Seit 100 Jahren ist "Nuoc Mam" nun schon wichtigster Bestandteil der Inselwirtschaft, doch der Höhepunkt ist bereits überschritten: Denn die Bestände der ausschließlich verwendeten "Ca Com"-Sardinen, die es nur im Meer bei Phu Quoc gibt, sind zurückgegangen.Statt früher zehn Tonnen Fang bringt ein Fischer nach zehn Tagen heute gerade mal drei Tonnen Fisch nach Hause.Zudem drängt Thailand auf den Markt, klagt Truong Van Thuy: "Die füllen minderwertige Fischsauce ab und kleben einfach Phu-Quoc-Etiketten drauf".TIPS FÜR DIE INSEL PHU QUOC, VIETNAM - Anreise: Ab Berlin-Schönefeld besteht die Möglichkeit mit Singapore Airlines über Singapur nach Hanoi beziehungsweise Saigon zu fliegen.Entweder kann man ein Stopover in Singapur einlegen oder direkt nach Vietnam weiterfliegen. Eine Direktverbindung von Frankfurt nach Saigon (Ho-Chi-Minh-City) bietet zum Beispiel die Lufthansa an.Alternativ geht es auch mit Lauda Air ab deutschen Flughäfen über Wien nach Saigon.Auch über Bangkok wird die Einreise nach Vietnam oft praktiziert.Von dort ist das Rückflug-Ticket Saigon ab 450 Mark zu bekommen. Die Insel Phu Quoc wird viermal pro Woche (zur Zeit montags, dienstags, donnerstags und sonnabends) von Vietnam Airlines ab Saigon angeflogen.Die Flugzeit beträgt rund eine Stunde. Der wichtigste Fährhafen ist Rach Gia im Mekong-Delta - rund 250 Kilometer von Saigon entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in rund achtstündiger Fahrt zu erreichen.Die Überfahrt (rund 140 Kilometer) mit dem Schiff dauert etwa zehn Stunden und beginnt zumeist abends gegen 18 Uhr.Gelegentlich fahren auch Boote von Ha Tien an der vietnamesisch-kambodschanischen Grenze (320 Kilometer von Saigon, dann zirka 50 Kilometer Seeweg). - Visum: Erhältlich für 163 Mark bei der Außenstelle der Botschaft der Sozialistischen Republik Vietnam, Königswinterstraße 28, 10318 Berlin, Telefon 509 82 62 (rund fünf bis sieben Tage Bearbeitungszeit) oder relativ kurzfristig auch in Bangkok (85 bis 170 Mark). - Reisezeit: Ganzjährig.Im Süden Vietnams konstant tropisch-feuchtwarmes Klima. - Übernachtung: Zur Zeit entsprechen nur das staatlich geführte "Huong Bien" (25 Zimmer, am Stadtrand der Insel-Hauptstadt Duong Dong) und das private "Kim Linh" (15 Zimmer, rund fünf Kilometer vom Flughafen) entfernt westlichem Standard.Beide Hotels liegen direkt am Strand, die Zimmer sind mit Moskito-Netzen, Duschbädern und Ventilatoren, teilweise auch bereits mit Aircondition ausgestattet. - Pauschalreisen: Der Asienspezialist Geoplan (Steglitzer Damm 96 b, 12169 Berlin, Telefon: 795 40 21, Fax: 795 40 25), der auch ein umfangreiches Vietnam-Programm führt, gehört zu den ersten Reiseveranstaltern, die einen Aufenthalt auf Phu Quoc organisieren können.Der Ausflug (vier Tage / drei Nächte) von Saigon nach Phu Quoc kann hier für 690 Mark pro Person im Doppelzimmer eines einfachen Hotels inklusive Frühstück und Flug gebucht werden.Verlängerung ist möglich für 40 Mark pro Person und Tag.Selbst wenn nur zwei Personen diesen Abstecher auf ihrer Vietnam-Tour buchen, schickt der Veranstalter einen Reiseführer von Saigon aus mit auf die Insel. - Literatur: Etwas vertraut machen mit dem Land kann sich ein interessierter Leser anhand der Reiseführer "Vietnam" beispielsweise aus den Verlagen Polyglott oder Nelles, beide München.In dem 256seitigen Band von Nelles für 26,50 Mark wird Phu Quoc allerdings nicht erwähnt.Auch im kleinen Polyglott-Band (12,80 Mark) bleibt die Insel eine Randnotiz, wird als "noch ursprünglich" charakterisiert. - Auskunft: Informationen über das Reiseland Vietnam gibt es bei Botschaft oder Außenstelle nicht.Interessierte sind auf einschlägige Literatur oder ein kundiges Reisebüro angewiesen.

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