Zeitung Heute : Transmediale in Podewil: Auf der Suche nach "sozialer Software"

Stefanie Grupp

Eröffnungsabend auf dem Berliner Medienfestival "Transmediale": Ein kleines Mädchen mit blonden Locken sitzt an einem der bunten iMacs im Foyer des Podewil. Unbefangen, sicher und sichtlich vergnügt bewegt sich das Mädchen Hanna per Maus durch die interaktive Softwarekunst. Neben ihr sitzt auf einem der transparenten Plastikhocker ihr Vater. Hanna lacht über die blubbernden Laute, die sie selbst mit dem Computerprogramm erzeugt.

Hanna wird im Jahr 2014 achtzehn Jahre alt sein und das erste Mal wählen gehen. Bis zu jener Bundestagswahl wird die kleine Staatsbürgerin noch das eine oder andere Spiel auf dem Computer spielen. Sie wird ihre Hausaufgaben in der Grundschule per E-Mail an ihren Klassenlehrer schicken und ihrem ersten Schwarm eine digitale Postkarte aus dem Netz schicken. Unwichtige Informationen wird sie von wichtigen zu unterscheiden lernen. In Chat-Rooms wird sie in technisch gestützten Gemeinschaften mitmischen. Die Kommunikation mit ihrer sozialen Umwelt läuft bei all diesen Handlungen über Software ab. Für alle Hannas dieser Welt fragt das Medienfestival "Transmediale" in seinem Konferenzteil danach, was "soziale Software" sein könnte. Und damit meinen die Festivalleiter eine Software, die gesellschaftliche Prozesse nicht nur unterstützt, sondern anregt.

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung wird am Donnerstag im Veranstaltungsort Podewil danach gefragt, ob soziale Standards wie Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit in einer Umgebung funktionieren, in der Anonymität und flüssige Identitäten eine Grundtatsache darstellen. Internetwahlforscher Dieter Otten, Politikwissenschaftlerin und ICANN-Kandidatin Jeanette Hofmann, FU-Literaturwissenschaftler Florian Cramer und etliche Programmier-Gäste aus den Vereinigten Staaten und den Niederlanden werden der Frage nachgehen, wie das Design zukünftiger sozialer Prozesse aussehen wird. Wird politische Repräsentation so virtuell wie Online-Wahlen? Welche Anforderungen stellt Software an das Gesellschaftswesen Mensch?

Eine literarische Antwort gibt der Berliner Autor Norman Ohler in seinem Ende 2000 bei Rowohlt erscheinenden Buch "Mitte": "Der Mensch benötigt Filtersysteme, um der Medienflut Herr zu werden, und dazu muss eine Mediensouveränität entwickelt werden. Ob Netzwerke, tote Seelen oder Apparate - die Heranwachsenden müssen früh trainiert werden." Anders als Ohler behauptet die Transmediale mit ihrem Motto "Do it yourself", dass Apparate nicht seelenlos sein müssen. Vielmehr seien Medien immer bedürfnisgerecht gestaltbar. Das hat das Mädchen Hanna intuitiv begriffen, wenn sie unbefangen nach der Maus schnappt. Und das, ohne die Diskurse der medientheoretischen Szene zu kennen.

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