Zeitung Heute : Traum vom Aufbruch

GÜNTHER GRACK

Das Berliner Grips-Theater spielt den neuen Fugard: "Valley Song"GÜNTHER GRACK"Ein Traum muß groß sein." Veronica, die junge schwarze Südafrikanerin, hat sich ein hohes Lebensziel gesteckt: sie will eine berühmte Sängerin werden.Ein Popstar, wie ihn Veronica in ihrem Dorf nur vom Fernsehschirm kennt.Nach des Tages Feldarbeit, wenn Buks, ihr Großvater, zu Bett gegangen ist, macht sich die Siebzehnjährige leise davon, schleicht zum Haus einer Nachbarin und kiebitzt durchs offene Fenster, was sich die alte Burenfrau whiskytrinkend von der Glotze so reinzieht.Und dann, für sich allein, erklimmt sie eine Obstkiste, ahmt nach, wie die Rockladies aus dem Showbusiness die Hüften schwenken, singt ein selbstgemachtes Lied dazu - und findet plötzlich, o Schreck, ihr erstes Publikum.Ein fremder weißer Mann hat Veronica beobachtet, klatscht Beifall und kommt mit ihr ins Gespräch: es ist Master Athol Fugard himself. Athol Fugard, der weiße Dramatiker des schwarzen Kontinents, hat sich selbst in sein neues Stück eingebracht, sein erstes seit Aufhebung der Apartheid."Valley Song" (Lied des Tales) spielt in der Karoo, was in der Sprache der Eingeborenen "das durstige Land" bedeutet - man betet dort zum Himmel um Regen, damit die Saat der Kürbiskerne aufgeht.Der alte Buks hat sein langes Leben lang auf diese Weise geackert und seine Familie ernährt; nach dem Tod seiner Frau und seiner Tochter ist davon nur Veronica übrig geblieben.Und was tut sie ihm jetzt an?! Sie will nach Johannesburg gehen - wie ihre Mutter, die sich von einem Hallodri dorthin verführen und zugrunderichten ließ.So harmonisch das Zusammenleben von Großvater und Enkelin bisher verlaufen ist, so dissonant prallen ihre eigensinnigen Schädel nun gegeneinander.Buks kann aus seiner alten schwarzen Haut nicht heraus, mag auch die Apartheid überwunden sein: die Großstadt erscheint ihm als Sündenbabel und der weiße Mann, der sich im Dorf ansiedeln will, als ein Halbgott, dem er sein Stückchen Acker beflissen verkauft, dankbar dafür, sich als Landarbeiter weiter darauf abrackern zu dürfen. Fugard zeichnet die gesellschaftlichen Spannungen mit Sympathie für alle Beteiligten behutsam nach, schreibt übrigens ausdrücklich vor, daß die beiden Männerrollen von ein und demselben Darsteller zu spielen seien.Bei der Johannesburger Uraufführung 1996 übernahm er selbst diese Aufgabe.Jetzt, bei der deutschsprachigen Premiere, die das Grips- in der Werkstatt des Schiller-Theaters unter Carsten Kronenbergs Regie herausgebracht hat, versucht sich Herman Vinck an dem Kunststück, der Doppelrolle eine schwarzweiße Identität zu geben - und dies mit schönem Erfolg! Der Graubart mit holländischem Akzent versöhnt die Gegensätze durch die freundliche Gelassenheit, mit welcher der weiße Mann den schwarzen sozusagen ansteckt.Indem er sich eine Wollmütze aufs Haar stülpt und die Schultern krümmt, verwandelt er sich auf dem Fleckchen Afrika, das Ariane Klunker mit einem Sonnensegel, einer Holzbank und einem bißchen Kies hingezaubert hat, von Master Fugard in Opa Buks, der, kein Zweifel, ein Starrkopf ist, aber, weil von Liebe erfüllt, selber liebenswert.Das Objekt seiner Obhut, Veronica, ist Abak Safaei-Rad; mit der Ambition der jungen Black Beauty, das enge Heimattal gegen die große weite Welt einzutauschen, identifiziert sich die Darstellerin mal so putzmunter herumtollend, mal so trotzköpfig stirnrunzelnd, daß man gern mit ihr mitfühlt.Wenn sie die Songs singt, die Vusi Thusi, ein in Berlin lebender Südafrikaner, für die Aufführung geschrieben hat, weckt sie allerdings Bedenken, ob aus Veronicas Showstar-Karriere etwas werden wird.Gleichviel, der Premierenbeifall: freundlichst. Wieder heute und am 27.11., jeweils 19.30 Uhr, sowie am 26.11., 11 Uhr.

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