Zeitung Heute : Traumhaftes Debüt und Ende eines Traumas

BORDEAUX (dpa).Der eine beendete sein persönliches, jahrelanges Trauma, der andere feierte ein traumhaftes Debüt auf der Fußball-Weltbühne.Der Italiener Roberto Baggio und Chiles "Wunderstürmer" Marcelo Salas schossen sich in die Schlagzeilen der Medien und die Herzen der Fans.Vor allem der "Pechvogel" der vergangenen Weltmeisterschaft erfreute sich vier Jahre nach seinem folgenschweren Fehlschuß im Elfmeterschießen des Finales gegen Brasilien und nach seinem Ausgleichstreffer am Donnerstag zum 2:2 gegen die Südamerikaner an den Lobeshymnen."Grazie Baggio" titelte der "Corriere dello Sport", und auch die "Gazetta dello sport" huldigte dem damals in Ungnade gefallenen Ballkünstler: "Baggio verhindert den Untergang."

Als habe er nur auf die Chance zur Wiedergutmachung gewartet, griff sich der zu Inter Mailand wechselnde Baggio nach der umstrittenen Elfmeterentscheidung von Schiedsrichter Lucian Bouchardeau (Niger) ohne zu zögern den Ball und befreite sich mit einem erfolgreichen Flachschuß von einer drückenden Last."Natürlich habe ich an damals gedacht, aber dennoch die Nerven bewahrt", erklärte der 31jährige.Zusammen mit dem Torschützen freute sich Trainer Cesare Maldini, der den zwischenzeitlich als "Auslaufmodell" bezeichneten Superstar nach 19monatiger Abstinenz wieder in die "Squadra azzurra" berufen hatte: "Beim Elfmeter stand das ganze Team hinter ihm." Einmal mehr strafte Baggio seine Kritiker Lügen und bewahrte die seit Jahren erfolgsentwöhnten "Tifosi" vor einer weiteren Enttäuschung.Beseelt vom Glückserlebnis ließ Baggio die glanzlose Vorstellung seiner Mannschaft kalt: "Verurteilt uns nicht", mahnte er die Berichterstatter in Bordeaux, "auch bei der Endrunde in den USA haben wir unser erstes Spiel gegen Irland verloren und waren nachher im Finale."

Während der "Weltfußballer des Jahres 1993" kein Mikrofon ausließ, stahl sich Marcelo Salas beinahe ungefragt davon.Interviews sind ihm ein Greuel."Ich möchte in Ruhe gelassen werden", sagt er immer wieder.Dabei avancierte der medienscheue Chilene, dessen erstes WM-Spiel zu einer eindrucksvollen Demonstration seiner Torjäger-Qualitäten geriet, mit zwei Treffern zum ersten Hauptdarsteller des Turniers."Ich habe eine Ahnung, wohin der Ball fliegen wird und bin einen Bruchteil vor dem Abwehrspieler an jener Stelle", erklärt der 23jährige sein Erfolgsgeheimnis.

"Er war fantastisch und definitiv der Mann des Spiels", lobte Chiles Coach Nelson Acosta seinen Angreifer, der nach dem Turnier für 32 Millionen Mark von River Plate Buenos Aires zum italienischen Renommierklub Lazio Rom wechselt.Etwa die gleiche Summe soll Salas für seinen Siebenjahresvertrag kassieren - irrsinnig viel Geld für einen, der vor seiner Karriere bei einem Transportunternehmen Busse schrubbte.Auch Manchester United, die Glasgow Rangers und Juventus Turin hatten um den kopfballstarken Stürmer gebuhlt.

Nicht nur Nelson Acosta kam ob der Galavorstellung seines Lieblingsschülers ins Schwärmen."Ich würde mich nicht wundern, wenn er der WM den Stempel aufdrücken würde", meinte Italiens Torwart-Legende Dino Zoff, der sich als "Tifoso" zwar über die beiden Tore von Salas ärgerte, als Lazio-Führungskraft indes aus seiner Vorfreude auf die kommende Saison keinen Hehl machte.Schließlich kann der von vielen Fachleuten als "Kreuzung aus Gerd Müller und Maradona" und von seinen Landsleuten als "El Matador" bezeichnete Salas eine ganze Mannschaft mitreißen."Salas braucht den Vergleich mit Ronaldo nicht zu scheuen", meint der argentinische Nationaltrainer Daniel Passarella sogar.Bei Torhüter Nelson Tapia, seinem Mitstreiter aus dem chilenischen Team, hat der "Fußballer des Jahres 1997" in Südamerika jedenfalls bereits für neues Selbstvertrauen gesorgt: "Wir haben der Welt gezeigt, daß wir bei diesem Turnier Großes leisten können."

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