Zeitung Heute : Treibstoff für die Wirklichkeit

Vom Schloß bis zur Reichstagskuppel: Baukunst und Politik sind eng miteinander verwoben. Drei Thesen vor dem am Donnerstag beginnenden Deutschen Architektentag in BerlinAm kommenden Donnerstag beginnt an prominenter Stelle - im Gebäude des ehemaligen Staatsrates - der Deutsche Architektentag unter dem deutungsschweren Titel "Die Zukunft der Baukultur".Daß es nicht nur Repräsentanten der Berufsverbände sind, die ins Programm einführen, sondern auch Politiker wie Bundesbauminister Töpfer und der Regierende Bürgermeister Diepgen, weist darauf hin, daß es zwischen Architektur und Politik durchaus eine Beziehung gibt.Und die ist so intensiv wie ambivalent. Nicht nur, daß im Sprachgebrauch der Architekt omnipräsent geworden ist - welcher Politker "baut" heute nicht am "europäischen Haus" oder anderen Vorhaben herum -, gerade in der Berliner Selbstbespiegelung der letzten Jahre wollten bauliche Zeichen künftiger Größe an fast jeder Ecke ausgemacht werden.Architektur scheint derzeit Treibstoff und Transmissionsriemen in einem zu sein, um gesellschaftliche Prozesse zu befördern.Doch leider geht es ihr wie den übrigen Künsten - anything goes ist die Folge von everything was.Antworten auf die Fragen, was "die" Politik der Architektur (noch) zu bieten hat, oder wie "die" Baukultur die Sphäre des Politischen tangiert, hängen naturgemäß vom Standpunkt des Betrachters ab.Klar sein dürfte lediglich, daß einerseits Geld knapp und öffentliche Bauaufträge rarer geworden, andererseits die Selbstdarstellungsbedürfnisse gewachsen sind. 1.Architektur als politische Ikonographie hat allenfalls eine glaubwürdige Basis in der Vergangenheit.In der unendlichen Diskussion über Schloß oder Palast schwingt immer auch die Auffassung mit, daß Gebautes Bild und Ausdruck unserer Gesellschaft ist.Doch so einfach darf man sich die Sache nicht machen.Denn die Annahme, daß Bauformen unmittelbar politische Ideale zum Ausdruck bringen oder gar die gesellschaftliche Wirklichkeit beeinflussen, basiert auf einem mythischen Bewußtsein: Gipfelnd in der Behauptung, daß der rechte Winkel am Bauwerk Diktatur darstelle und Symmetrie dem Absolutismus Vorschub leiste, wird hier doch nur der Wunsch offenbar, daß Bauten Darstellungen des je bestehenden oder gewünschten politischen Systems sein sollten.Andererseits verfügt die Architektur tatsächlich über eine potentielle, über das unmittelbar Bauliche hinausgehende Bedeutung.Und natürlich sind Bauwerke immer wieder als Ausdruck politischer Selbstdarstellung benutzt worden.Gerade in der selbstverliebten "Bundeshauptstadt Berlin" erlebt dergleichen eine neue Blüte. Darf man daraus ableiten, Architektur sei politische Ikonographie? Zu Zeiten des sogenannten Dächerkrieges, als sich Ende der zwanziger Jahre die Parteien anhand der Zehlendorfer Onkel-Tom-Siedlung von Bruno Taut und den gegenüberliegenden Häusern Am Fischtal publizistisch bekämpfen, waren solche Zuschreibungen zumindest einfacher.Was aber sagt uns die Rekonstruktion der Reichstagskuppel in dieser Hinsicht? Alles und nichts! Je mehr Interpretationsmodelle angeboten werden, desto deutlicher wird die Beliebigkeit der Lesarten.Wie Spiegel werfen die Fassaden Positionen und Polemiken zurück und verändern ihre vermeintliche Botschaft, je nachdem, wer die Architektur betrachtet und wertet. Je mehr ein Stil Ausdruck seiner Zeit ist, desto weniger kann er einer späteren Zeit noch Norm und Muster sein - es sei denn, ein aktuelles Interesse möchte jene Normen aus der Vergangenheit in die Gegenwart aktivieren.Doch das kennen wir bereits: So wie der Nationalstaat die europäische Selbstdefinition des 19.Jahrhunderts widerspiegelte, war der Historismus in ästhetischer und künstlerischer Hinsicht bestimmend für die Suche nach nationaler Identität.Doch heute haben sich die Gewichte und Interpretationslinien völlig ineinander verknäuelt.Insofern wird uns weder eine Fassade noch eine stadträumliche Komposition sehr viel über die tatsächlich ausgeübte Herrschaft oder Politik sagen können. 2.Politik hat sich weniger in Form und "Stil" der Architektur zu manifestieren als in der Weise ihres Zustandekommens.In seinem Vortrag "Demokratie als Bauherr" hat Adolf Arndt die Aufgabe so definiert: "Demokratie muß das Unsichtbare sehen lassen, daß die Menschen ihrer selbst in diesem Miteinander ihres Menschlichseins, ihrer Gesellschaft, ihrer Gemeinschaft ansichtig werden.Die demokratische Aufgabe des Bauens ist, daß ein jeder Mensch sich als Mensch für sich und Mensch im Gefüge gewahrt." Zu Recht ist beklagt worden, daß die einseitige Berücksichtigung rationaler Kriterien in der Architektur deren Leistung entwertet und sie vom Massenpublikum abgeschnitten hat, weil sie die Kraft, das Gefühl zu erreichen, verlor.Notwendig ist eine Architektur, die unser kulturelles System in produktiver Weise erschüttert.Gabriele Iwersen, SPD-MdB und Mitglied im Bauausschuß, hat unlängst gesagt, der Anteil der Politik liege darin, die Balance zu halten "zwischen der gestalterischen Umsetzung des Auftrages und dem sparsamen Umgang mit öffentlichen Mitteln".Dabei ist jedoch die zeitgenössische Anspruchshaltung der Öffentlichkeit im Verhältnis zwischen Politik und Architektur keineswegs unproblematisch: "Der vielzitierte Steuerzahler posiert zwar voller Stolz vor den Baudenkmälern der Vergangenheit, aber öffentlichen Bauten der Gegenwart sollen lieber beim Investor zum niederen Stückpreis von der Stange erworben werden." Der öffentliche Bauherr hat zu definieren, was er will, ein Verfahren zu wählen, das so zweckdienlich wie nötig und so transparent wie möglich ist - dann aber den Stab weiterzureichen an die Fachwelt.Daß nun häufig von einer Wettbewerbs-Jury auf eine eindeutige Entscheidung verzichtet und der Spitze der Exekutive anheimgestellt wird (wie beim Bundeskanzleramt), ist prekär, weil sie einer Kapitulation vor den "Sachzwängen" gleichkommt. 3.Es ist gleichwohl gefährlich, sich vom Anspruch zu verabschieden, mit einer "besseren" Architektur auf eine "bessere" Gesellschaft hinzuarbeiten.Namentlich die Avantgarde der zwanziger Jahre spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle.Denn es war ihre epochale Leistung, Modelle zu entwickeln, "in denen der Anspruch auf eine Demokratisierung des Anteils des Ästhetischen am Leben mehr ist als der bloße Reflex ökonomischer Interessen" (Dröge/Müller).Gerade die fortschrittlichen Architekten wollten die Welt, so wie sie ist, zunächst einmal ungeschminkt zur Kenntnis nehmen - um sie letztlich zu verändern.Davon hinübergerettet hat sich wenig.Wir sind, der Postmoderne sei Dank, von einem Artenreichtum der Stile und Formen umgeben, der ausschließlich den Gesetzen der Mode folgt: Heute hui, morgen pfui! Unsere gesamte Wirklichkeit wird mehr und mehr in eine Zeichenwelt umgewertet.In diesem Prozeß hat die Baukultur einen schweren Stand.Folgerichtig sieht Peter Erler, Präsident der Deutschen Architektenkammer - die den Architektentag veranstaltet -, ihre Aufgabe auch keineswegs darin, "daß sie gesellschaftlich nicht vorhandene Leitbilder auf formalem Wege erzeugt." Gleichwohl, explizit beerdigt worden ist ein solcher Anspruch durchaus nicht.Er ist und bleibt eine gewaltige Herausforderung - der die Architekten kaum gewachsen sind.Das hat erst im vergangenen Jahr die Architektur-Biennale in Venedig verdeutlicht.Was unter dem Motto "Der Architekt als Seismograph" so anspruchsvoll daherkam, ließ bereits eine eher defensive Haltung erahnen.Das macht darauf aufmerksam, daß (nicht nur) die Architekten ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer Zeit hat.Aber vielleicht ist der Atem der Geschichtsmächtigkeit unserer Gegenwartskultur ja insgesamt ausgehaucht. Architektur und Politik: es gibt einen unauflöslichen Zusammenhang von formal-ästhetische Ausdrucksmittel und jeweiligem Deutungsmuster.Ob also Architektur im multimedialen Zeitalter noch politische Ordnung spiegeln - oder gar stabilisieren - kann, ist und bleibt eine konfliktträchtige Frage.Daß der Deutsche Architektentag darauf eine überzeugende Antwort zu liefern imstande ist, hieße falsche Erwartungen wecken.Wenn es ihm jedoch gelingen sollte, die Diskussion über Architektur in der Öffentlichkeit wieder stärker zu verankern, dann wäre einiges gewonnen. Eröffnung des Deutschen Architekturtages 1997 auf dem Schloßplatz vor dem ehemaligen Staatsratsgebäude, 12.Juni, 15 Uhr.Weitere Informationen bei der Architktenkammer Berlin, Karl-Marx-Allee 78.Telefon 306 416 34/36/38.Programm-Magazin 29,80 DM.

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