Zeitung Heute : Trend zum Zweitkind

Was wir fürs nächste Baby noch besorgen müssen

Stephan Wiehler

Es wird mal Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen, die sich um das zweitgeborene Kind ranken. Zum Beispiel ist es ein Irrtum, anzunehmen, Zweitkinder seien billiger in der Anschaffung als erste. Früher, als ich selbst mehr Kind als Erwachsener war, haben die Schauergeschichten von kleinen Brüdern und Schwestern, die angeblich nur in Secondhand-Klamotten aufgewachsen sind, noch mein Mitleid erregt. Seitdem wir unsere zweite Tochter erwarten, die zum Jahresende geboren werden soll, weiß ich, dass an diesen sozialdramatischen Schilderungen so viel nicht dran sein kann. Von den Babysachen unserer vierjährigen Emma ist jedenfalls kaum noch etwas zu gebrauchen. Gelohnt hat sich nur der Verleih unserer Trageschale an ein befreundetes Paar. Deren kleine Lizzy hat das Ding so vollgekleckert, dass uns ihre Eltern eine neue Schale geschenkt haben. Bei den meisten Sachen, die wir anderen Eltern ausgeliehen haben, ist die Wiederverwendbarkeit allerdings erheblich gemindert. Meine Frau hat kürzlich versucht, einen Haufen Wäsche auf einem Baby-Flohmarkt zu verkaufen. Das Geschäft lief ziemlich mäßig und hat die Familienkasse gerade mal um 20 Euro aufgebessert.

Hinzu kommen unerwartete Verluste. Wir brauchen einen neuen Kinderwagen, nachdem Emmas italienische Sportkarre aus unserem Kreuzberger Treppenhaus gestohlen wurde. Wir hätten ein Schild drankleben sollen: „Erwarten Nachwuchs, bitte stehen lassen.“ Vielleicht hätte das den Dieb moralisch abgeschreckt, wahrscheinlich aber nicht.

Vom Kinderwagen ist jetzt nur noch der Korbaufsatz übrig geblieben. Der liegt, seit Emma sitzen kann, in unserem feuchten Keller und wird – weil wir ihn nicht vorausschauend in Plastikfolie verpackt haben – längst vom Schimmelnachwuchs bewohnt.

Auch Emmas Kinderzimmer muss für die geschwisterliche Wohngemeinschaft aufgemöbelt werden. Die geplante Anschaffung eines Etagenbetts (das sich Emma mit einer Rutsche wünscht) hat aber wohl noch ein paar Monate Zeit. Bis dahin wird unser Zweitkind in der Wiege mit Himmelchen gebettet, in der schon ich vor vierzig Jahren gelegen habe. Das gute Stück lagert wohlbehütet auf dem Dachboden meiner Eltern. Es ist so gut erhalten, dass auch unsere nächsten Babys noch drin schlafen könnten.

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