Zeitung Heute : Trennscharf

ISABEL HERZFELD

Gidon Kremer und Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern Alban Berg und Maurice Ravel in einem Konzert zusammenzuspannen - das gibt einem Orchester wie den Berliner Philharmonikern vor allem Gelegenheit zur glanzvollen, virtuosen Klangentfaltung.Doch außer dem sinnlichen Flair ihres instrumentalen Raffinements verbindet beide Komponisten wenig miteinander.Der schönen, unterhaltsamen Oberfläche gibt sich Ravel in seinem Ballett "Daphnis et Chloé" hin, letzte Dinge berührt Alban Berg in seinem Violinkonzert.Was er "dem Andenken eines Engels" gewidmet hatte, der 1935 mit achtzehn Jahren verstorbenen Manon Gropius, wurde ihm wenige Monate später zur eigenen Totenklage.Ein Mythos von Jenseitsvorahnungen rankte sich so um das Werk, dem auch Gidon Kremer und Claudio Abbado erliegen: Sie zäumen es in sehr behutsamer Annäherung vom Ende her auf, wenn der nach Bach zitierte Choral "Es ist genug" alles schmerzhafte Aufbäumen auslöscht.Kremer gibt dem seine feinsten Flageoletts, die vor allem im sanft verglimmenden Schlußklang noch einmal intensiv aufleuchten.Wunderbar auch, wie Abbado die analytische Trennschärfe der Einzelstimmen zu wahren versteht, das komplexe Geflecht konturen- und beziehungsreich durchdringt.Besonders rührend löst sich die Kärntner Volksweise organisch aus dem Choral heraus.Doch ihre burschikose Koketterie, die katastrophalen Aufschreie, überhaupt die ganze leben wollende Sinnlichkeit des Bergschen Orchesterklanges bleiben bei soviel sanfter Delikatesse allzu verhalten, wie unter einer Decke. Nicht in den Trost des Jenseits, sondern in eine ganz diesseitige Zauberwelt führt dagegen Ravels "Daphnis et Chloé".In diesem 1912 für Diaghilews "Ballets Russes" entstandenen Tanzstück geht es um Schäferspiele in einer arkadischen Idylle, eher belebt als getrübt durch den Jungfrauenraub einer wilden Piratenbande und deren Vertreibung durch Pan.Das zeichnet Ravel mit Donner und Blitz, mit dumpfen Trommelschlägen und kecken Trompetenstößen, die aus dem Tutti wie Elmsfeuer herausleuchten, und dem Fauchen einer Windmaschine.Auch sonst entfaltet sich ein buntes, in Figuren und Stimmungen rasch wechselndes Panorama, ein Fest des sinnlichen, geradezu ekstatischen Klanges für die Philharmoniker.So entlockt Abbado den vielfach geteilten Streichern ein betörendes Glitzern, von der Harfe einschmeichelnd unterlegt; Verheißung und Versagung spricht aus eleganten, immer wieder von scharfen Bläserakzenten gestoppten Walzerrythmen.Pariser Flair liegt auch über dem frechen Gassenhauerton des Piratenanstrums.Der wieder einmal perfekt ausbalancierte Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Gerd Müller-Lorenz) darf all dem das letzte, sanft überhöhende Glanzlicht aufsetzen, vollzieht damit allerdings auch entschlossen den letzten Schritt zur Filmmusik.Das irritiert die Zuhörer keineswegs: Jubel in der ausverkauften Philharmonie.ISABEL HERZFELD

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