Zeitung Heute : Treppenläufer aus Leidenschaft

Friedrich Mielke erforscht, was wir mit Füßen treten – keine Stufe ist ihm zu hoch, kein Weg zu weit

Hanne Bahra
Die Treppe als deutsches Einheitssymbol. So soll es nach Friedrich Mielkes Vorstellung aussehen. Foto: Hanne Bahra
Die Treppe als deutsches Einheitssymbol. So soll es nach Friedrich Mielkes Vorstellung aussehen. Foto: Hanne Bahra

„Übermorgen kann ich schon tot sein.“ Diesen Satz wird Friedrich Mielke an diesem Tag noch mehrfach sagen. Erst allmählich begreife ich, dass er nicht vom Sterben spricht, sondern vom Leben. Von seiner täglichen Arbeit. Von seiner Liebe – zu Treppen. Zwillingswendeltreppen, Himmelstreppen, Wilde Treppen. Sein Haus im oberbayrischen Dorf Konstein ist zugleich Wohnung und „Arbeitsstelle für Treppenforschung“. Mehr als 10 000 Treppen dieser Welt hat der inzwischen emeritierte Professor und Begründer der internationalen Treppenforschung aufgemessen, beschrieben und katalogisiert. „Scalalogie ist die Erkenntnis über unser fußläufiges Steigerungsvermögen“, zitiert Mielke das Motto seiner 19-bändigen Forschungsergebnisse. Band 20 „Die Treppen der Welt“ erscheint demnächst.

Sein Treppenwissen hat der Architekt Mielke auch in Beton gießen lassen. Als Hintertreppe am eigenen Haus. Mit ihren ungleichen Stufenhöhen, erst ganz flach, zur Mitte hin auf Normalmaß anwachsend, dann wieder abflachend, wie bei einer stehengebliebenen Rolltreppe, wirkt sie eher wie eine Stolperfalle. Genau das aber sei sie nicht, freut sich Mielke, der diese Reaktion erwartet hat. „Gehen Sie, gehen Sie“, ruft er. „Sie werden merken, nur das Genormte verringert unsere Aufmerksamkeit und dann stolpern wir schon bei der kleinsten Abweichung“. Ich stolpere nicht. Über die ungleichmäßigen Tritte, gleich denen der vorindustriellen Zeit, ähnlich den „wilden Steige“ in der Natur, steigt man wie ein Wanderer im Gebirge, mit jedem Schritt den natürlichen Eigenheiten des Pfades angepasst. „Nur ein Gleichmaß der Schritte gefährdet den Gang. Ein stereotyper Ordnungssinn ist hier nicht am Platz, Sturheit kann tödlich enden. Nur der Anpassungsfähige erreicht sein Ziel, zitiert er sich selbst aus seiner Publikation „Scalalogia“. Die Japaner kennen „Jiu-Jitsu“ – nachgeben um zu gewinnen.

Mielke ist Architekt und Treppenphilosoph. Das Glück „Stufen mit eigenen Füßen nach zu fühlen“, hat er im Zweiten Weltkrieg mit seinem rechten Bein verloren. Die Frage, warum ein Einbeiniger „Treppenpapst“ wird, drängt sich auf. „Man kann Probleme nicht immer umgehen, man muss sie angehen“, lautet die Antwort. Er hat Potsdams Treppen vermessen, hoch und runter, in 450 Häusern. „Für einen Prothesenträger ein wunderbares Konditionstraining“. Mit geradezu preußischer Disziplin zog er danach durch ganz Deutschland und trug das Wissen zusammen, das bislang in den tausend Inventarbänden der Deutschen Kunstdenkmäler gefehlt hat. Bald kannte Mielke das Treppengesicht vieler Städte. Doch ihre Baumeister kamen aus Holland, Schweden, Belgien, Spanien, Italien oder Frankreich. Also fuhr Mielke durch die Welt, mit Wohnmobil und Ehefrau. Sein Gesicht wird ganz jung bei dieser Erinnerung, gab es doch nichts Schöneres für ihn, als tagsüber Treppen auszumessen und abends französischen Rotwein zu trinken.

Diese Zeit ist längst vorbei. Um in die erste Etage seines Hauses zu kommen, benutzt der Herr der Treppen seit einigen Jahren einen Treppenlift. Die Fahrt führt langsam vorbei an Fotos berühmter Treppen, darunter die Strudlhofstiege, jener Wiener Treppe, der Heimito von Doderer mit seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal setzte. Unter einer Haube aus Plexiglas strahlt das weiße Modell der gewendelten Zwillingstreppe aus der Grazer Burg von 1499. „Die erste mir bekannte emanzipatorische Treppe, auch Kusstreppe genannt.“ Der alte Mann mit der weißen wilden Mähne lächelt charmant. „Hier konnten der Herr und die Dame getrennt und doch gleichzeitig aufsteigen und sich auf gleicher Höhe treffen.“ Seine Lieblingstreppe? „Oh, das sind die 52 Wendeltreppen des Straßbuger Münsters. Das bewunderungswürdigste Treppenbauwerk der Welt. Da möchte man niederknien.“ Mielkes mitunter etwas brüchige Stimme wird kräftig, fast laut.

Die ersten Treppen hat Mielke in Potsdam vermessen. Anfang der 50er Jahre, als er oberster Denkmalpfleger der kriegszerstörten Stadt war. Von 693 kulturhistorisch bedeutsamen Bürgerhäusern sind 315 vernichtet, konstatierte Mielke in der DDR-Kunstzeitschrift „Bildende Kunst“. Da hatte er noch die Hoffnung, dass seine Gedanken zum beschleunigten Wiederaufbau der Stadt beitragen könnten. Das alte Stadtbild war noch nicht ganz verloren. Leidenschaftlich kämpfte er um jedes Bürgerhaus. Ihm verdankt Potsdam die Rekonstruktion eines ganzen barocken Straßenzuges. Des einzigen dieser barocken Stadt. Die schmucken Bürgerhäuser der Wilhelm-Staab- Straße, eine der schönsten und baukünstlerisch wertvollsten Straßen der Altstadt, entstanden wie einst – Stein auf Stein.

Erfolglos mahnte er die Rettung des Stadtschlosses an. Letztendlich verlor Mielke den Kampf. Vergeblich der Hinweis auf das Bruderland Polen, auf die Wiedererstehung der Danziger Altstadt. Die Ruine des Stadtschlosses wurde abgetragen. Dass der Abriss teurer wurde als ein möglicher Wiederaufbau, ist ein wiederholter Treppenwitz der DDR-Geschichte. In der Innenstadt zerfielen die Häuser.

Mielkes Frage an die kommunistische Stadtregierung: „Was habt Ihr aus dieser Stadt gemacht?“, brachte ihn und seine Familie in Gefahr. So siedelte er 1958 nach Westberlin über und wurde an der TU der erste Professor für Denkmalpflege in Deutschland. Nur in seinen Publikationen, darunter das zweibändige Werk „Das Bürgerhaus in Potsdam“, konnte er jetzt noch die Lücken schließen, die Krieg und DDR-Jahre in das Stadtbild gerissen hatten. Ein Totenbuch. Später wichtiges Dokument für den Wiederaufbau, wie auch seine „Treppen in Potsdam“, eine scalalogische Dokumentation, die er 1995 der Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek übergab.

Sein Lebenswerk, fünf Meter Archivgut, hat das Geheime Staatsarchiv PK in Berlin übernommen. Die Hochschule Regensburg erhielt 20 Kartons mit Aufmessungen und Zeichnungen, das Potsdam-Museum einen Teil des wissenschaftlichen Nachlasses, so auch 8000 Fotonegative.

„Friedrich Mielke ist nach Julius Haeckel und Hans Kania, neben Hans-Joachim Giersberg, einer der bedeutendsten Denkmalpfleger, Bauhistoriker, Forscher, Praktiker und Publizist der Potsdamer Baugeschichte und Baukunst“, sagt der Denkmalpfleger Norbert Blumert, der im Auftrag des Brandenburgischen Kulturbundes die Potsdamer Jubiläumsausstellung, in der Friedrich Mielke am 20. September seinen 90. Geburtstag feiern wird, betreut. Vielen war der Altmeister der Potsdam-Forschung längst Legende. Doch Mielkes Herz schlägt noch immer für Potsdam. Deshalb will er der Stadt auch sein sieben Meter hohes Einheitsdenkmal – eine doppelläufige Spirale, die sich an der Spitze vereint – schenken. Wohin damit? „Na, auf den Platz der Einheit.“ Dem Oberbürgermeister hat er es schon zweimal angetragen. Eine Antwort kam nie. Ob er in Potsdam gerne wieder leben möchte? Nein. Grässlich diese Hochhäuser. Die Geliebte ist verschandelt. Das Stadtschloss – ein der Stadt unwürdiges Plagiat. In Potsdam möchte er aber begraben sein.

Das Grabmal steht schon auf dem Neuen Friedhof – eine doppelte Wendeltreppe, mit so vielen Stufen wie Lebensjahren. 71 für seine Frau. „Für mich – das müssen wir abwarten“, sagt Mielke, sehr lebendig, und schenkt Riesling Spätlese aus den Weinbergen des Trierer Bischöflichen Konvikt ein.

Ausstellung vom 11. September bis 2. Oktober 2011 im Museumshaus "Im güldenen Arm", Hermann-Elflein-Straße 3, 14467 Potsdam, Zeichnungen, Fotografien, Modelle, historische Bauteile. Schirmherrschaft Matthias Platzeck.

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