Zeitung Heute : Trickkiste für digitale Träume

VANESSA LIERTZ

Das High-Tech-Center Babelsberg soll eine Plattform für die Medienbranche werdenVON VANESSA LIERTZ

-Wenn man Silicon-Valley und Hollywood verbindet - kommt dann Babelsberg heraus? Vielleicht, träumen zumindest einige der Gründer und zukünftigen Nutzer des High Tech Centers in der traditionellen Filmstadt, die sich kürzlich zur Grundsteinlegung auf dem Baugelände zusammenfanden.Noch sind an dem Ort, auf dem Ende 1997 rund 8.000 Quadratmeter für neueste Medientechnologien entstehen sollen, nur ein paar Grundmauern zu sehen. Umsomehr hat die Phantasie ihren freien Lauf.Womöglich wandelt wieder Marilyn Monroe vor einem glänzenden Cadillac über die Leinwand, als digitale Filmdiva? Das scheint nicht ausgeschlossen, denn der Vorsitzende des Europäischen Filmzentrums Babelsberg, Peter Fleischmann, verkündet: Bald "kann ich jeden Menschen, den ich mir vorstelle, digital verwirklichen". Topmoderne Technologie ist erstmal teuer: Von den rund 100 Millionen Mark, die für den Bau veranschlagt sind, sollen rund zwei Drittel für die technischen Einrichtungen verwendet werden.Dann aber soll das High Tech Center (HTC) einem großen Benutzerkreis zugänglich sein, nicht nur als Plattform für die Filmbranche, sondern auch für kleinere und mittleren Produktionsfirmen im übrigen Medienbereich.Hauptsächlich wird das HTC mit Fördermitteln der Europäischen Union, der Bundesrepublik und des Landes Brandenburg finanziert.Sein Bauherr ist das gemeinnützige Europäische Filmzentrum, seine Betreiber Medien- und Telekommunikationsunternehmen, darunter die Deutsche Telekom und Bertelsmann. So können schon bald Stunt-Einlagen in einem der Aufnahmestudios gedreht werden.Waghalsige Sprünge überläßt der Schauspieler seinem digitalen Double.Ab Herbst diesen Jahres will das HTC nach Angaben seines Direktors Peter Krieg neueste Technologie zur Verfügung stellen, darunter einen Service für computergenerierte Bilder.Der Rechner produziert eine Bildsequenz, nachdem der Benutzer ihm verschiedene Anweisungen eingegeben hat.Dieses Rendering-Verfahren nennt Krieg "spektakulär", denn selbst für heutige Supercomputer seien Auflösungen in Filme mit 24 Bildern pro Sekunde eine Herausforderung.Vier Minuten eines solchen digitalen Films können leicht 10.000 und mehr Rechenstunden eines herkömmlichen Computers in Anspruch nehmen.Die Zukunft des Filmstudios Babelsberg jedenfalls, das nach der Wende beinahe geschlossen worden wäre, scheint erst einmal gesichert: Für 15 Jahre haben sich die Betreiber wie Bertelsmann verpflichtet, die Einrichtung des HTC auf dem neuesten Stand zu halten.Bis dahin darf digital gezaubert und geträumt werden.Denn der Drang des Menschen, eine künstliche Welt zu schaffen, wie ihn Fritz Lang 1926 an diesem Ort in einem der ersten Science-Fiction-Filme der Welt "Metropolis" veranschaulichte, muß nicht - wie bei Lang - in der Katastrophe enden.
14.02.97

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