Zeitung Heute : Triumph der „Manns“

Der Tagesspiegel

Von Mechthild Zschau

Eine alte Frau tappt mit weit aufgerissenen Augen durch die Welt. Sie erscheint ihr als ein Labyrinth. Als ein Ort voller Schrecken. Wo ist die Erinnerung an das Gestern? Spurlos verschwunden. Und das Morgen? Unvorstellbar. Die Kamera schaut ihr ins Gesicht, ganz ruhig und konzentriert, das Entsetzen verdichtet sich, überträgt sich auf den Zuschauer. Der Film über eine Alzheimerkranke ist das Debüt von Marion Kainz. „Der Tag, der in der Handtasche verschwand“ heißt er, lief in der Reihe „Menschen hautnah“ des WDR.

Einen Grimme-Preis bekommt Kainz für ihr stilles, einfühlsames Porträt. Einen von insgesamt 39; am Dienstagmorgen wurden die Gewinner bekannt gegeben. Aber es ist nicht Marion Kainz, es sind die fiktiven Produktionen, die Fernsehspiele, die auch bei Grimme, der prestigeträchtigsten deutschen Fernsehauszeichnung, die große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In diesem Jahr war es Heinrich Breloers Mehrteiler „Die Manns“, der neun Auszeichnungen bekam – alle in Gold. Aber über „das Fernsehereignis des Jahres“ (Grimme-Institut) hinaus, gab es diesmal private Groß-Dramen in erstaunlicher Vielfalt und Qualität: etwa über deutsch-deutsche Liebe („Romeo“ vom ZDF), Tod und Verbrechen („Tatort: Freier Fall“, Bayerischer Rundfunk).

Grimme in Gold bekam auch das feingesponnene Kammerspiel „Ende der Saison“ von Daniel Nocke und Stefan Krohmer, ebenfalls vom BR. Mit ganz verhaltenen Tönen erzählt er von der hohen Kunst des Lebens mitten im Sterben – fast wie ein Dokumentarfilm.

Aber zurück zu den Nacht- und Nischenprogrammen: Etwa in Arte und 3sat kondensieren die realen Schrecken der Gegenwart im Dokumentarfilmgenre wie – außer in den Nachrichten – nirgends sonst im Fernsehen. Mit zäher Geduld graben die Dokumentaristen nach dem Allgemeingültigen des Speziellen, nach dem Bleibenden im Aktuellen, dem Aktuellen im Historischen; fünf Filmautoren bekamen dafür dieses Jahr den Grimme-Preis.

„Es war einmal Tschetschenien“ (Arte), richtig ja, längst ist dieser Krieg vergessen, verschüttet von neuen Kriegen. Wer aber dabei war, kann die Bilder nicht vergessen. Die georgische Kriegsberichterstatterin Nino Kirtadze kehrt zurück nach Grosny, will wissen, was wirklich war, weil sie den eigenen Eindrücken nicht traut und befragt Kollegen nach deren Erfahrungen. Die zeigen ihre Bilder des Grauens, reden über ihre Verzweiflung, ihre Ratlosigkeit. Und die Frage wird laut, wozu diese Bilder dienen im tagesaktuellen Geschehen. Ob sie nicht all ihre mahnende Kraft nur entfalten können in einem nachdenklichen, analysierenden, auch subjektiven Kontext. Ein dichtes und erschütterndes Dokument über den Krieg. Der Film bekam Gold – das hat er verdient.

Kontrast zum langsamen Film über Grosny ist „Die Todespiloten“ (NDR). Schnell nach dem 11. September produziert von einem ganzen Team, fragt der Film danach, wer sie waren, die sich selbst dazu opferten, um Amerika und der ganzen westlichen Welt eine tiefe Wunde zu versetzen. Wie sind sie, diese freundlichen, angepassten jungen Männer, die zu Massenmördern geworden? Was hat sie getrieben? Fragen, die bis heute unerklärt sind und bleiben müssen.

Auffallend ist in all diesen sehr ernsten, sehr genau gearbeiteten Dokumentationen der Verzicht auf jede formale Spielerei: keine Computeranimationen, keine rasante Schnitte.

Im Gegenteil: Große Ruhe bestimmt das Erzählen, das ganze Gewicht liegt auf den Aussagen jener, die ihr Leben und Empfinden vor den Kameras ausbreiten. Kein schlauer Kommentator weiß einen Ausweg zu neuer Ordnung, niemand mehr hat eine Botschaft für eine bessere Welt. Zeigen, was ist, ungeschönt, voller Trauer und Fragezeichen, darum ist es den Machern zu tun.

Vielleicht herrscht eine neue journalistischen Bescheidenheit im scheinbar so leichtfertigen, quotensüchtigen Medium. Der Dokumentarfilm, die feinste Domäne allein des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, macht sich eindringlicher und ernsthafter denn je auf die Suche nach einem Faden im Labyrinth der Wirklichkeit. Dabei erobert er immer mehr das Kino mit großen Formaten - und infiziert das Fernsehspiel. Immerhin drei der Preisträger gehören zum Genre der Dokufiction: „Die Manns“, „Wambo“ und „Tanz mit dem Teufel". Das Fernsehen und die Wirklichkeit - versöhnen sie sich?

Mechthild Zschau ist Grimme-Jurorin im Bereich Kultur und Information.

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