Zeitung Heute : Triumph der Sturheit

Morgen wird er wieder vereidigt, dann wird er beten – und seine Kritiker sind ihm egal. George W. Bush mag es, gehasst zu werden

Malte Lehming[Washington]

Sattelschlepper donnern durch die Straßen. An den Haken riesiger Kräne hängen Betonabsperrungen. Es wird gebaut, gebuddelt, installiert. Hier ein Gitter, da ein Zaun, dort eine Tribüne. Bauarbeiter und Polizisten wuseln herum, dick vermummt. Ein klirrend kalter Wind weht. Bauwerke werden geschmückt. Rot, weiß, blau – so weit das Auge sieht, langsam versinkt Washington in den Farben der US-Fahne. Eine prunkvolle Festung entsteht. Die Stadt hat sich gewandelt.

Vor vier Jahren noch war alles offen. Mitten auf der Mall stand, erhaben und frei zugänglich, das Washington Monument. Es steht immer noch da, doch nun umgeben von einer hässlichen Mauer. Amerikas Hauptstadt wirkte einst großzügig. Dieses Gefühl ist verschwunden. Das Weiße Haus? Nur zu Fuß zu erreichen, bitte weiträumig umfahren. Das Kapitol? Ein Bunker, in dem sich die Abgeordneten und Senatoren verschanzt haben. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte beherrschen das Stadtbild. Hubschrauber kreisen. Auf dem Potomac patrouilliert die Küstenwache, das Maschinengewehr im Anschlag.

Bewohner und Besucher sollen sich sicher fühlen. Aber das Gegenteil geschieht. Wer sich derart aufwändig schützt, muss extrem bedroht sein. So denkt es in einem. Washington rüstet auf – und vermittelt Beklemmung. Das Land ist im Krieg. Das vergisst man leicht, weil das normale Leben davon kaum beeinträchtigt ist. Doch rund 150000 Soldaten kämpfen im Irak noch immer gegen die so genannten Rebellen. Täglich sind Tote zu beklagen. Zehntausende Amerikaner wurden zum Teil schwer verwundet.

An diesem Donnerstag wird George W. Bush erneut in sein Amt als Präsident eingeführt. Am Mittag steht er vor dem Westportal des Kapitols und legt den Eid ab. Seine linke Hand ruht auf einer Bibel, seine rechte hebt er zum Schwur. Die Formel ist kurz, genau 36 Worte lang. Der amerikanische Präsident schwört auf die Verfassung. Sie ist der Kitt, der das Land eint. Am Ende indes folgt der freiwillige Zusatz: „So help me God“ – so wahr mir Gott helfe. Fast alle Vorgänger von Bush haben damit geendet. An der Inauguration nehmen auch Geistliche teil. Ein Priester wird ein Gebet sprechen.

Bush und Gott, Amerika und die Religion. Ein säkularer Querulant aus Kalifornien hatte gegen das Gebet geklagt. Michael Newdow ist Anwalt und Arzt. Vor zwei Jahren wurde der allein erziehende Vater aus Sacramento landesweit berühmt. Vor einem Gericht in San Francisco hatte er durchgesetzt, dass jede Erwähnung von Gott in öffentlichen Schulen gegen das Verfassungsgebot einer strikten Trennung von Staat und Religion verstößt. Die Sache ging bis vors Verfassungsgericht. Dort wurde Newdows Klage schließlich abgeschmettert, wegen eines Prozessfehlers.

Doch er lässt nicht locker. Ein Gebet bei der Amtseinführung verletze seine Grundrechte, meinte er auch diesmal. Vor einem Gericht in Washington kam es zur Anhörung. Das Gebet sei traditioneller Bestandteil der Inauguration, argumentierte ein Vertreter des Justizministeriums. Das sei unerheblich, gab Newdow zurück. Tradition begründe keinen Rechtsanspruch. Sonst gäbe es bis heute unterschiedliche Toiletten für Weiße und Schwarze.

Vor wenigen Tagen wurde das Urteil verkündet. Es ist 50 Seiten lang. Der Kläger habe nicht nachweisen können, „wirklich ernsthaft unter dem Gebet zu leiden“, schrieb der Richter. Außerdem würde eine kurzfristige Änderung des Inaugurationsablaufes die Veranstalter vor erhebliche Organisationsprobleme stellen. Deshalb werde die Klage abgewiesen. Auch Bush darf wieder beten lassen.

Wenig später wird er seine erste Rede im neualten Amt halten. Amerika und die Welt hören zu. Welchen Ton schlägt Bush an? Sein Chefredenschreiber, der 40-jährige Michael Gerson, hatte Mitte Dezember einen Herzinfarkt. Zwei Wochen später saß er wieder am Schreibtisch. Bushs Worte zur Inauguration und, Anfang Februar, seine Rede an die Nation: Das sind die beiden wichtigsten Botschaften, die der Präsident zu Beginn seiner zweiten Amtszeit aussendet. Sie sollen sein Image neu prägen. Da darf ein Redenschreiber sich keine Erholung gönnen.

Gerson ist Christ, ein Evangelikaler. Von ihm stammt eine Reihe religiös aufgeladener Formulierungen. „Freiheit und Angst, Gerechtigkeit und Grausamkeit waren immer schon im Krieg gegeneinander“, sagte Bush am 20. September 2001 vor dem Kongress, neun Tage nach den Terroranschlägen. „Und wir wissen, dass Gott sich in diesem Krieg nicht neutral verhält.“ Auch diese Rede hatte Gerson geschrieben. Diesmal steht er vor einer ähnlich großen Herausforderung. Oberste Regel: keine Witze. Dazu ist die Lage zu ernst. Womöglich explodiert zeitgleich mit der Inauguration im Irak eine Bombe. Und noch täglich laufen auch im US-Fernsehen die Bilder über die Folgen des Tsunami.

Getragen, taktvoll, versöhnlich, entschlossen: Diese vier Säulen müssen die Ansprache tragen. Am Ende sollte sich möglichst ein Satz ins Gedächtnis geprägt haben. Wie 1933, als Franklin D. Roosevelt sagte: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Oder 1961, John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“ Gerson, der einst Theologie studierte, hat Dutzende von Inaugurationsreden gelesen. Im Vordergrund von Bushs Rede, sagt er, werde erneut der Kampf gegen den Terrorismus stehen. Bilanz und Ausblick. Das sei der Präsident seinem Land schuldig.

Wie sich die Zeiten ändern. Vor vier Jahren wirkte dieser Mann wie ein Betriebsunfall der Geschichte. Bei der Wahl hatte sein Gegenkandidat, Al Gore, mehr Stimmen bekommen. Nur ein Gerichtsurteil hatte Bush den Weg ins Weiße Haus geebnet. Während die US-Marine-Band unverdrossen „Hail to the Chief“ spielte, skandierten die Gegendemonstranten wütend „Hail to the Thief“. Ein Außenseiter, nach oben gepuscht durch einflussreiche Familienbande, war Präsident geworden. Ein Versehen, ein Unglück. Die einzige Hoffnung der Demokraten: Wiederholen werde sich ein solches Debakel nicht.

Nun ist er wiedergewählt worden. Mit knapp vier Millionen Stimmen Vorsprung hat Bush deutlich gewonnen. Seine Partei, die Republikaner, konnte ihre Mehrheit im Senat und Repräsentantenhaus ausbauen. Von Hollywood, Akademikern, Künstlern, Europäern und Intellektuellen wird er verachtet, aber das Gros der Amerikaner vertraut ihm. Dabei hatte er gegen fast alle Wahlkampfregeln verstoßen. Bloß keine Polarisierung, hieß die Warnung, Wahlen werden in der Mitte entschieden.

Bush scherte sich nicht darum. Seine Rhetorik blieb unverändert. Populismus konnte ihm keiner vorwerfen. Zwei Drittel der Amerikaner sind für ein Verbot von Schnellfeuerwaffen? Pah. Bush ließ es ablaufen. Sturheit, schimpften die einen. Prinzipientreu, lobten die anderen. Im Irak ging fast alles schief, im Auslandsgeheimdienst CIA herrschte Chaos, der Folterskandal von Abu Ghraib empörte die Welt: Bush hielt an Donald Rumsfeld fest, zog keinen zur Verantwortung, räumte weder Fehler noch Versagen ein.

Das imponierte offenbar. Denn nicht etwa die religiöse Rechte verhalf ihm zum Sieg, sondern in fast allen Bevölkerungsschichten legte Bush zu – bei Schwarzen, Juden und Hispanics, bei Frauen, Katholiken und Senioren. Das Magazin „Time“ kürte ihn dafür zur „Person des Jahres 2004“. Gewöhnliche Politiker wollen gemocht werden, hieß es zur Begründung. Bush dagegen „empfindet die Gegnerschaft seiner Kritiker als Bestätigung“. In seinem Herzen sei er halt immer ein „Punk“ gewesen. Als 1973 in Harvard die Gleichaltrigen gegen den Vietnamkrieg protestierten, lief er in Cowboyschuhen und Bomberjacke herum, ging auf Partys, trieb Sport. Der britischen Queen gestand er einmal, das schwarze Schaf der Familie zu sein.

Widerstand spornt ihn an. „Er mag es, gehasst zu werden. Das vermittelt ihm das Gefühl, das Richtige zu tun“, sagt ein Bush-Berater im „Time“-Magazine über seinen Chef. Und am vergangenen Wochenende gab der Präsident der „Washington Post“ ein aufschlussreiches Interview. Frage: „Im Irak wurden wir nicht als Befreier empfangen. Wir haben dort keine Massenvernichtungswaffen gefunden. Der Nachkriegsprozess läuft schlecht. Warum wird niemand dafür zur Verantwortung gezogen?“ Antwort: „Nun, wir hatten das Moment der Verantwortung, nämlich die Wahlen. Und die Amerikaner hörten verschiedene Beurteilungen über das, was im Irak geschieht. Und sie sahen sich beide Kandidaten an – und wählten mich, wofür ich dankbar bin.“

Bush glaubt daran, seiner Zeit voraus zu sein. Die Geschichte werde ihn rehabilitieren. „Wer große Dinge tut, kann die Früchte meist selbst nicht ernten“, sagt er. „Ganz gleich, ob es kulturelle Veränderungen sind oder die Ausbreitung der Demokratie in Gegenden der Welt, in denen es nicht für möglich gehalten wurde. Ich verstehe das. Ich erwarte nicht, dass viele Kurzzeit-Historiker nette Dinge über mich schreiben.“

Was wird sein Vermächtnis sein? Bush hat den Begriff von der „Achse des Bösen“ geprägt. Irak, Iran, Nordkorea: Ihm ist es gelungen, diese drei Staaten sowohl selbst ins Visier zu nehmen als auch andere Staaten in die Pflicht, das Treiben der missliebigen Regime zu kontrollieren. Er hat die Taliban und Saddam Hussein gestürzt. In Afghanistan wurde zum ersten Mal demokratisch gewählt. Im Irak soll dies Ende des Monats geschehen. Im Nahen Osten hat sich seine Strategie durchgesetzt, Jassir Arafat isoliert zu haben. Das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft liegt unverändert bei vier Prozent. Die Arbeitslosigkeit sinkt, inzwischen liegt sie bei knapp über fünf Prozent. Die Amerikaner sind optimistisch. Rund 60 Prozent knüpfen Hoffnungen an die zweite Amtszeit von Bush. Zwei Drittel beschreiben den Präsidenten als „stark, intelligent und nett“. Eine Mehrheit meint, er sei unabhängig und ehrlich.

Das Thema der Inauguration lautet „Celebrating Freedom and Honoring Service“ – die Freiheit feiern und den Dienst ehren. Opulent und teuer wird das Spektakel. Rund 55000 Gäste verteilen sich auf neun abendliche Bälle. Laura und George W. Bush tingeln von einem zum anderen. Wo immer sie auftauchen, wird „Hail to the Chief“ gespielt. Hinzu kommen Candlelight-Dinner mit hochkarätigen Spendern. Rund 40 Millionen Dollar, so viel wie nie zuvor, soll der Spaß kosten. Industrielle und Lobbyisten greifen dafür tief in die Tasche. Einzelpersonen, die 250000 Dollar geben, dürfen in jenen Party-Bereich, in dem sich der Präsident und sein Stellvertreter, Dick Cheney, aufhalten.

Nähe verbindet. In die Reform der Parteienfinanzierung wurden die Inaugurationsfeiern nicht einbezogen. Ob AT&T, Dell, United Parcel Service oder Exxon – wer immer im Weißen Haus seinen Einfluss geltend machen will, hat 250000 Dollar gespendet. Was als Zeremonie und Staatsakt begann, ist längst zu einem Gesellschaftsereignis ersten Ranges geworden. Laura Bush lässt sich ihr Inaugurationskostüm und Ballkleid vom New Yorker Modeschöpfer aus der Seventh Avenue, Oscar de la Renta, schneidern.

Keine Amtseinführung ohne Streit. Das Land ist im Krieg. Wie verträgt sich das mit den rauschenden Festen? Von einem „Exzess“ spricht ein Autor in der „Washington Post“. Statt der Partys sei Bescheidenheit geboten, „Zeichen von wahrem Respekt und Mitleid“. Die Zeitung selbst rümpft die Nase über den feiernden Klüngel, zu dem nur „wenige Privilegierte“ Zugang haben. Laura Bush verteidigt den Aufwand: „Die Zeremonien sind ein wichtiger Teil unserer Geschichte.“

Die zweite Amtszeit eines US-Präsidenten ist oft glanzlos. Richard Nixon wurde aus dem Amt gejagt, Ronald Reagan sah seine Regierung in die Iran-Contra-Affäre verstrickt, Bill Clinton musste wegen der Lewinsky-Affäre ein Amtsenthebungsverfahren überstehen. Den Wiedergewählten waren entweder die politischen Ideen ausgegangen, oder sie wurden durch den Erfolg zu übermütig. Bush ist fest entschlossen, auch diese Regel außer Kraft zu setzen. Er hat noch viel vor, auch innenpolitisch – die Reform des Steuerwesens, der Kranken- und Sozialversicherung. Er wirkt weder lustlos noch erschöpft. Etwas treibt ihn an. Man nenne es Gestaltungswille oder Mission, je nachdem.

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