Zeitung Heute : Triumph des Lebens

HARTMUT WEWETZER

Der Tod des einen ist das Leben des anderen: So spektakulär die Umstände der Herzverpflanzung bis heute sind, so gering ist ihr Beitrag bei der Bekämpfung der HerzkrankheitenVON HARTMUT WEWETZERWas auf den Tag genau vor 30 Jahren im Groote-Schuur-Hospital im südafrikanischen Kapstadt geschah, würden heutige Bedenkenträger als "Menschenversuch mit unkalkulierbarem Risiko" bezeichnen.Und sie hätten recht.Denn der Chirurg Christiaan Barnard setzte alles auf eine Karte, als er an jenem 3.Dezember 1967 einem Gemüsehändler das kranke Herz herausschnitt und das gesunde Organ eines toten Spenders einsetzte.Barnard war seinem Lehrer, dem großen amerikanischen Herzchirurgen Norman Shumway, zuvorgekommen.Zwei Wochen später starb der erste Patient mit einem menschlichen Spenderherz.Den Weltruhm des schillernden Chirurgen konnte das nicht schmälern. Es begann ein regelrechtes weltweites Wettrennen um weitere Herzverpflanzungen.Aller Jubel und alle Euphorie konnten indes nicht verbergen, daß die erste Transplantationen vorschnell erfolgt waren.Denn die Ergebnisse waren schlicht katastrophal: zwei von drei Patienten starben innerhalb von drei Monaten nach dem Eingriff, das erste Jahr überlebte nur jeder fünfte.Es wurde still um die Herzverpflanzung.Das zentrale Problem, nämlich die Abstoßung des fremden Organs durch das körpereigene Immunsystem, blieb ungelöst.Dabei war es schon vor Barnards Tat offensichtlich gewesen. Den Durchbruch brachte ein Pilz, in dem ein Forscher den Wirkstoff Ciclosporin entdeckte - ein hochwirksames Mittel gegen die Abstoßung.Und so sahen die 80er Jahre den Siegeszug der Organverpflanzer.Heute überleben bis zu Zweidrittel der Herztransplantierten die ersten fünf Jahre nach der Operation; das Deutsche Herzzentrum Berlin berichtete im September aus Anlaß seiner 1000.Transplantation, daß mittlerweile jeder zweite in Berlin operierte Patient mit seinem neuen Herz sogar zehn Jahre und länger lebt.Operation und Nachbehandlung sind inzwischen Routine, wenn auch auf einem medizinisch und technisch hohen Niveau. Es dürfte wenig andere Eingriffe geben, bei denen man mit Fug und Recht sagen kann, daß dem Operierten neues Leben geschenkt wird.Dennoch ist die Herztransplantation bis heute nicht unumstritten gewesen.Daran waren nicht nur die mangelnden Erfolge der Pioniere wie Barnard schuld, sondern auch der magische Nimbus, der das Herz bis heute umgibt.Etwas geht uns als Herz, jemand wächst uns ans Herz, sagen wir, und meinen damit, daß das Herz mehr ist als nur eine schnöde Pumpe, ein unablässig Blut in das Gefäßsystem drückender Hohlmuskel.Just dies hat uns die moderne Medizin gelehrt, und sie hat gezeigt, daß das muskulöse Zentralorgan nicht Ursprung seelischer Regungen, sondern lediglich deren "Zielscheibe" ist.Das Herz hängt an den Zügeln des Hirns. Und dennoch: Kann das Herz eines Toten schlagen? Die Paradoxie vermag die moderne Medizin zwar zu erklären, doch kann sie damit irrationale Befürchtungen kaum aus der Welt schaffen.Nichts machte das deutlicher als die hitzige Debatte um das Transplantationsgesetz, das diese Woche nach Jahren des Streits endlich in Kraft trat.Auch das neue Gesetz wird allerdings den Spenderorgan-Mangel kaum beheben können.Nur jeder zweite Bedürftige bekommt hierzulande nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation ein Spenderorgan eingesetzt.Kein Wunder, daß Alternativen erprobt werden: Mit Emil Bücherl arbeitete in Berlin einer der Pioniere des Kunstherzens, das sich inzwischen als "abgespecktes" Überbrückungssystem bewährt.Und das übertragbare, genetisch modifizierte Schweineherz mag vorerst Zukunftsmusik sein.Aber die wird langsam lauter. Der Tod des einen ist das Leben des anderen: So spektakulär die Umstände der Herzverpflanzung bis heute sind, so gering ist ihr Beitrag bei der Bekämpfung der Herzkrankheiten, wenn man das Ganze betrachtet.500 durch Spenderherz Geretteten stehen 450 000 Menschen gegenüber, die jedes Jahr an Herz- und Kreislaufleiden sterben.Die Hoffnung, die Medizin könnte irgendwann den Herz- oder Kreislauftod verhindern, wird also wohl ein Wunschtraum bleiben.Und nicht unbedingt ein erstrebenswerter, treten doch viele Herz- und Gefäßleiden erst in höherem Alter auf - bei Menschen, die ihr Leben gelebt haben.Das schmälert nicht das Verdienst der Organtransplantation.Sie bleibt ein Triumph des Lebens.

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