Zeitung Heute : „Trivialisierung der Würde“

-

Über das Recht auf Würde sprachen wir mit Horst Dreier. Er ist Mitglied des Nationalen Ethikrates und Professor für Rechtsphilosophie, Staats und Verwaltungsrecht an der Universität Würzburg.

Herr Dreier, was ist Würde?

Wenn man das verfassungsrechtlich in einem Satz sagen könnte, wären wir alle einen Schritt weiter. Das lässt sich positiv nur schwer definieren. Die ersten theoretischen Versuche liefen über negative Bestimmungen – über eindeutige Verletzungen der Menschenwürde.

Zum Beispiel?

Erniedrigung, Brandmarkung, Ächtung. Es hat Versuche einer positiven Bestimmung gegeben – einen vergleichsweise populären von Niklas Luhmann Mitte der Sechziger, der Menschenwürde als gelingende Selbstdarstellung definiert. In juristischen Kreisen ist das aber eher abgelehnt worden.

Was bedeutet Demütigung?

Das ist eine Form der Verletzung von Menschenwürde – ein Kandidat für die Negativ-Definition. Ein Beispiel wäre der vielzitierte Vorgang, als man Juden in Wien zwang, das Kopfsteinpflaster mit Zahnbürsten zu reinigen.

Warum ist Würde gleich im ersten Artikel des Grundgesetzes verankert?

Andersherum gefragt: Wie kam es, dass man Würde prominent an die Spitze der Verfassung stellt? Das hat natürlich mit dem NS-Regime zu tun – weil man dort massenhafte Verletzungen der Menschenwürde erfahren hatte.

Wer bestimmt, was Würde ist?

Letztlich verbindlich das Bundesverfassungsgericht. Das schließt nicht aus, dass sich die offene Gesellschaft der Verfassungsinterpreten gemeinsam darum bemüht, diesen Begriff auszufüllen. Ideengeschichtliche und ethische Aspekte spielen da eine Rolle. Aber im Grundgesetz ist sie ein juristischer Begriff.

Ist Würde individuell auslegbar?

Es gibt zahllose Fälle, in denen Menschen geklagt haben, weil sie sich in ihrer Würde verletzt fühlten. Das sind oft Vorgänge, bei denen jeder „normale“ Drittbeobachter sagt: Das ist vielleicht unangenehm, aber wo ist die Würdeverletzung?

Können Sie ein Beispiel nennen?

Jemand ist durch drei Instanzen gegangen – über das Verwaltungs-, Oberverwaltungs- und Bundesverwaltungsgericht – weil sein Name in amtlichen Bescheiden mit „oe“ anstatt mit Umlaut geschrieben wurde.

Ein aktuelles Beispiel: Wird den Kandidaten von „Ich bin ein Star“ die Würde entzogen?

Man verliert grundsätzlich seine Menschenwürde nicht – auch der Gefolterte oder Gedemütigte nicht. Aber der Achtungsanspruch, den er verdient, kann verletzt werden. Tut das eine Staatsgewalt, ist der Fall klar. Hier haben wir das Problem: Jemand tut das aus freien Stücken. Da sage ich prinzipiell, nicht jede Geschmacklosigkeit ist gleich ein Verstoß gegen Artikel , Absatz 1 des Grundgesetzes.

Wird heute mit dem Begriff Würde leichtsinniger umgegangen?

Ich beobachte bei Klägern, Gerichten und der politischen Rhetorik eine zunehmende Inflationierung und Trivialisierung des Begriffes. Das ist bedenklich, weil die Menschenwürde eine wertvolle Ressource ist. Man tut ihr keinen Gefallen, führt man sie gegen jede Geschmacklosigkeit ins Feld.

Die Fragen stellte Ulf Lippitz.

INTERVIEW

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben