Zeitung Heute : Trockenes kratzig

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Bach in Potsdam: Das "Musikalische Opfer" mit der Barock-Compagney Aufführungen von Johann Sebastian Bachs "Musikalischem Opfer" sind immer heikel, denn es gibt wohl kaum eine Musik, die wie diese für das Lesen und Studieren konzipiert ist.Die verklausulierten Notationen der Kanons, die von Bach bewußt unbestimmte Instrumentation verweisen auf diesen Sachverhalt.Trotz der trockenen Akustik ist das Potsdamer Schloßtheater im Neuen Palais durch sein historisches Ambiente ein schöner Ort für eine solche Aufführung, denn in Potsdam hatte Bach bei seinem Besuch vor 250 Jahren von Friedrich dem Großen das Thema des "Musikalischen Opfers" zur Bearbeitung gestellt bekommen.Die Berliner Barock-Compagney unternahm hier nun mit Traversflöte, zwei Violinen, Cello und Cembalo den Versuch, dieses Kompendium kontrapunktischer Kompositionskunst nicht nur strukturell, sondern auch sinnlich erfahrbar werden zu lassen. Die Möglichkeiten, die eine klangfarbliche Auffächerung zur Verdeutlichung der Musik bietet, konnten die Musiker allerdings kaum nutzen, so sehr kämpften sie mit Intonationsschwierigkeiten (die Flöte war das ganze Konzert über zu hoch) und einem verstimmten Cembalo.Die Unsauberkeiten setzten sich auch in anderen Bereichen fort: Auf die Tempi konnte man sich meist erst nach einigen Takten einigen, die Anschlüsse stimmten nicht recht, viel zu kurzatmige musikalische Bögen verhinderten jeden Spannungsaufbau.Im Andante der Triosonate mißachteten die Musiker sogar die bei Bach so seltenen Dynamikanweisungen.Die historische Aufführungspraxis führte bei der Berliner Barock-Compagney nicht etwa zu einer klareren und deutlicheren Interpretation, sondern verharrte in aussagelosen Manieren wie dem trockenen, ein wenig kratzigen "non vibrato" auf Darmsaiten. Die Defizite des Ensembles wurden ähnlich ohrenfällig in den beiden Triosonaten von Johann Joachim Quantz und Carl Philipp Emanuel Bach, die dem "Musikalischen Opfer" vorangingen.Vor allem in Bachs d-moll-Sonate für zwei Violinen (Wq.145) störten unklare Agogik, in den langsamen Sätzen wacklige Tempi und ein gehetztes "Vivace"-Finale.GREGOR SCHMITZ-STEVENS

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