Zeitung Heute : Trost aus Fernost

SEBASTIAN ARLT

"Did you enjoy the games?" - Zu zwiespältig sind die Gefühle, um sich bei der Frage, wie einem die Olymischen Spiele von Nagano gefallen haben, festlegen zu könnenVON SEBASTIAN ARLT NAGANO.Was heißt bloß jein auf englisch, oder am besten auf japanisch? Was soll man nur antworten, wenn man kurz vor Ende der XVIII.Olympischen Winterspiele von Nagano von den vielen freiwilligen Helfern mit der Frage konfrontiert wird: "Did you enjoy the games?" Zu zwiespältig sind die Gefühle, um sich bei der Frage, wie es einem denn gefallen hat, festlegen zu können.Allen Unkenrufen zum Trotz klappte die Organisation mit wenigen Ausnahmen gut, die Freundlichkeit der Japaner war überwältigend und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.Dabei war es für sie sicherlich nicht einfach, sich den Menschen aus aller Herren Ländern, aus für sie teilweise völlig unbekannten Kulturen zu öffnen.Daß die Japaner nicht die Begeisterungsfähigkeit besitzen wie etwa Europäer oder Amerikaner, durfte nicht überraschen."Spiele des Herzens" hatten die Organisatoren von Nagano versprochen, und sie haben sich mit dieser Botschaft nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt. Und die Sportler? Etwas mehr als vor zwei Jahren bei den von Gigantismus und Kommerzialisierung völlig überdeckten Spielen von Atlanta durften sie sich in Japan als Hauptdarsteller fühlen.Mit spannenden Wettkämpfen und sehr guten Leistungen sorgten die Athleten für die Faszination Olympias, die über eine Million Besucher an die Wettkampfstätten und Milliarden als Zuschauer vor die Fernsehgeräte lockte.Aber in Erinnerung bleiben werden andere Dinge: Die Olympischen Spiele von Nagano werden in die Geschichte eingehen als Spiele der Absagen, Verlegungen und Unterbrechungen.Die alpinen Wettbewerbe wurden zum Trauerspiel mit Ansage.Dafür gibt es nur einen Schuldigen: das Internationale Olympische Komitee (IOC), dessen Leitlinie für die Vergabe der Spiele nach Nagano allein die Gewinn-Maximierung war.Japan ist für das auf stete Expansion bedachte IOC der Markt der Zukunft.Wer aber Olympische Spiele in ein Gebiet vergibt, das als extrem ungünstig für eine der wichtigsten Wintersportarten gilt, handelt grob fahrlässig gegenüber den Sportlern, die sich jahrelang auf diesen Höhepunkt vorbereitet haben. Aber was kümmert dies das IOC, dessen Höhepunkt der Spiele die Bekanntgabe der Rekordzahlen im Werbe- und Marketingbereich war.Money makes the world go round.Und doch ist das IOC der Verlierer der Olympischen Winterspiele von Nagano 1998.Schlimmer hätte die Altherrenriege mit ihrem Präsidenten Juan Antonio Samaranch an der Spitze, der einst ein treuer Gefolgsmann des spanischen Diktators Franco war, nicht bloßgestellt werden können.Eine Organisation, die auf dem Gebiet des Marketings große Professionalität erreicht hat, agierte im medizinischen Bereich geradezu dilettantisch.Vom Gerichtshof des Internationalen Sports (CAS) bekam das IOC eine schallende Ohrfeige verpaßt, indem er dem des Marihuanakonsums überführten kanadischen Snowboarders Ross Rebagliati seine vom IOC aberkannte Goldmedaille wieder zuerkannte.Begründung: Es habe keine rechtliche Grundlage für eine Disqualifikation gegeben.Hier wurde dem IOC die Maske vom Gesicht gerissen, denn auf einmal bestätigten die olympischen Makler, es habe in der Vergangenheit bereits sieben weitere Marihuana-Fälle gegeben.Was verschweigt das IOC noch alles, das sich so gerne als Weltgewissen des Sports geriert? Wer soll noch Vertrauen zu diesem Kartell der Schweiger haben, dem die Verteidigung eines klinisch-reinen Images über alles geht? Mit klammheimlicher Freude konnte in den vergangenen Tagen beobachtet werden, wie die "Herren der Ringe" in Nagano an die Grenzen ihrer vermeintlichen Allmacht gestoßen sind: Weil sie sich mit der Trendsportart Snowboard gleichzeitig die Marihuana-Affäre mit allen ihren Auswirkungen ins Haus geholt haben.Weil das programmiert scheinende Eishockeyfinale zwischen den Profis aus den USA und Kanada nicht zustande kam, das den Spielen hellsten Glanz verleihen und den Gewinn des IOC-Partners CBS mehren sollte.Und weil das Milliarden-Unternehmen IOC weder den internationalen Gerichtshof und erst recht nicht das Wetter kaufen konnte.Auf die Frage, ob dies ein Trost ist, fällt die Antwort in allen drei Sprachen leicht: ja, yes, hai.

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