Zeitung Heute : Trost finden

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Vielleicht liegt es ja am Wetter und ich reagiere über. Vielleicht ist es bloß dieser trübe Sommer, der zu kalt und zu nass ist, der grau über der Stadt klebt, der mich allmählich in den Wahnsinn treibt. Jedenfalls kann ich es nicht mehr ertragen, dass ich beim Radfahren auf der Kantstraße um mein Leben bangen muss, dass vor der Kneipe an der Ecke schon morgens einer steht mit der offenen Bierdose in der geschwollenen Hand, dass es überall nach Hundekot mieft, dass alte Männer auf die Straße rotzen, oder dass Polizisten sich trauen, kleinen Mädchen im Park das Rollerfahren zu verbieten, aber den Besitzer des unangeleinten Pitbulls tonlos ziehen lassen. In diesen Junitagen fällt es mir schwer, Berlin zu mögen.

Doch es gibt einen Ort, der mich trösten kann, der so ganz anders ist als Berlin: der Gendarmenmarkt samt Umgebung. Der Gendarmenmarkt, sauber, neu und doch alt, nicht zu groß und nicht zu klein, der „schönste Platz Europas“, wie man sagt, die First-Class-Hotels, die Bars und Restaurants an seinem Rand, hier ist zwar alles teuer, aber dafür eben auch schöner. Neulich lud mich eine Freundin ein zum Mittagessen im „Malatesta“, einem italienischen Restaurant. Weiße Tischdecken, Stimmengewirr, prego, scusa, tavola, es schwirrte nur so um uns herum, man versteht kein Wort, kann sich aber denken, worum es geht, und schwupps hatten wir unseren Tisch am Fenster und Tom Cruise hielt uns die Karten hin. Oder ein Kellner, der dem Hollywoodstar verblüffend ähnlich sah und auf Nachfrage angab, dessen Cousin zu sein. „Issä särr klein“, sagte er. Hinter uns saßen zwei Geschäftsleute, neben uns ein älteres Paar, er in einer Zeitung blätternd, sie den Kunstführer studierend, die Freundin sagte, dass sie gerade bei Lafayette in der Schlange hinter Angela Merkel gestanden habe. Ja, so was geht in Berlin. Mein Frust verflog und als wir uns verabschiedet hatten, ging ich beschwingt in die Friedrichstraße, zu „Max&Co“ und probierte tolle Stiefel an. Sie waren am Schaft zu eng und vorne zu lang. Tja, sagte die Verkäuferin und zeigte sich kein bisschen geneigt, ein anderes Paar zu holen. Da bekam ich Angst um meine Oase.

„Malatesta“, Charlottenstr. 59, am Gendarmenmarkt. Mittags gibt es neben der Karte zwei Menüs zur Auswahl, für 9,50 oder 12,50 Euro.

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